ApoDec Thessaloniki – Design im Zeichen von Austausch

Schwierige Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Die Frage „Was kann man tun?“ ist zur Leitidee einer ganzen Generation geworden. Marianna und Tenia aus Thessaloniki versuchen gar nicht erst, eine Antwort darauf zu finden, sondern machen die Frage selbst zum Geschäftskonzept. In ihrem ApoDec-Projektraum hält die kreative Szene der Stadt Einzug und zeigt: Mit alten Strukturen brechen ist ein Gemeinschaftsakt.

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Tenia (links) und Marianna (rechts) in ihrem ApoDec-Projektraum. ©eudyssee.eu

Mit bloßem Auge ist kaum zu erkennen, auf was man sich einlässt, wenn man den ApoDec-Raum in der Stratigou-Sfetsou-Thoma-Straße am westlichen Rand des Zentrums von Thessaloniki betritt. Galerie? Projektagentur? Seminarraum? Coworkingspace? Doch genau hier liegt der Charme einer Idee, die in Griechenlands zweitgrößter Stadt ein wahres Novum darstellt. ApoDec kombiniert verschiedene Konzepte und bietet ein Refugium für all jene, die auf der Suche sind nach Möglichkeiten, ihre eigenen Ideen zu entwickeln.

Vielfalt als Markenzeichen

Marianna und Tenia sind Produktdesignerinnen. Nach dem Studium in Thessaloniki und Barcelona haben sie sich -wie so viele junge EuropäerInnen in Zeiten der Krise – die Frage gestellt: Was können wir tun? Inspiriert von Projekten in anderen Städten des Kontinents wuchs der Gedanke, einen Raum zu schaffen, in dem diese Frage als konzeptionelle Grundlage dient. „ApoDec ist ein Multifunktionsraum. Hier finden Workshops, Ausstellungen oder Buchpräsentationen statt und wir arbeiten mit einem Team, das offene Diskussionsrunden organisiert“ , erklärt Marianna. „Es ist ein Ort für Menschen, die ganz unterschiedliche Dinge tun und auf diese Weise versuchen wir, Kunst und Kultur mit unserem Designhintergrund zu verbinden“ , beschreibt Tenia den konzeptionellen Hintergrund.

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Tenia: „Ich fühle mich nicht nur als Designerin, oder als Geschäftsfrau oder als Künstlerin und ich denke nicht, dass das etwas Schlechtes ist.“ ©arteditre

Seit anderthalb Jahren schon dient der zweistöckige Projektraum als offenes Refugium der kreativen Pioniere. Neben einem einwöchigen Workshop für parametrische Architektur, diversen Buch- und Businesspräsentationen sowie Ausstellungen, fanden hier ebenfalls die ersten beiden Veranstaltungen der Crowdfunding-Initiative Feast Thessaloniki (wir berichteten), eine Antinarrative Performance und der Dreh eines Punkrockvideos statt, für das Marianna und Tenia das Design kreierten. „Wir bieten allen Projekten einen Raum, die unsere Idee angemessen widerspiegeln. Am interessantesten dabei ist es, Menschen zusammenzubringen“ , charakterisiert Tenia den Reiz ihrer Arbeit.

Kooperation reloaded

Nicht immer war in der Griechenland der Geist der Zusammenarbeit so ausgeprägt, wie es jetzt zu Krisenzeiten der Fall ist. Alte Hierarchien und straff organisierte Familienunternehmen ließen oft nur wenig Raum für innovative Entwicklungen. Diese Strukturen stellen das Land auch heute noch vor große Probleme: Der unübersichtliche und kaum flexible Verwaltungsapparat sowie die geringe Bereitschaft griechischer Banken, Kredite für neuartige Konzepte bereitzustellen, sind für viele Jungunternehmer oft nur schwer überwindbare Hindernisse. „Die Gesetze ändern sich ständig und man braucht auf jeden Fall einen Steuerberater, der dich in diesen Prozessen begleitet“ , berichtet Marianna von ihren Erfahrungen als Gründerin. Doch sei es auch wichtig, neben den Hindernissen die vielen Möglichkeiten der Stadt zu erkennen und Lösungen für die Probleme zu finden.

„Wir befinden uns in einer Situation, in der wir viele neue Dinge aufbauen können. Als ich von Barcelona nach Thessaloniki zurückkam, habe ich eine völlig andere Stadt vorgefunden“ , erinnert sich Tenia und verweist auf die vielen Entwicklungen, die sich gerade in den Krisenjahren vollzogen haben. Dabei sind es vor allem junge Leute, die auf der Suche sind nach neuen Möglichkeiten. „Im Gegensatz zu früher haben die Menschen heute weniger Angst, um Unterstützung zu bitten. Viele kommen mit Ideen und stellen Fragen wie: Kannst Du mir helfen? Können wir das zusammen machen? Ist das überhaupt möglich?“ , erklärt Marianna. Dabei aber sei nicht allein die Krise der Auslöser für den neuen Geist der Zusammenarbeit. Auch Auslandserfahrungen und der damit verbundene kulturelle Austausch spielen eine Rolle.

Sich immer neu erfinden

In vielen Branchen ist es nicht leicht, sich auf ein Gebiet zu konzentrieren und damit finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen. Gerade in der Kreativwirtschaft ist ein breiteres Wissen erforderlich, Eindrücke aus anderen Gebieten und Fachbereichen, die in die Kernkompetenz einfließen und die Grenzen zwischen Kategorien wie Kunst und Design überschreiten. Dabei macht vor allem der ständige Drang sich neue Kompetenzen anzueignen den Reiz dieser Berufe aus. „Wenn Leute mich fragen, was mein Beruf ist, weiß ich oft nicht was ich antworten soll“ , beschreibt Tenia ihre Situation. „Ich fühle mich nicht nur als Designerin, oder als Geschäftsfrau oder als Künstlerin und ich denke nicht, dass das etwas Schlechtes ist. Heutzutage musst Du deine Tätigkeitsfelder permanent verändern und trotzdem trägst Du all deine beruflichen Erfahrungen in Dir und wendest sie an.“

Marianna: „Wir können einen Kaffee trinken und überlegen, was wir zusammen erreichen können.“ ©arteditre

Marianna: „Wir können einen Kaffee trinken und überlegen, was wir zusammen erreichen können.“ ©arteditre

Gerade für diese neue Art der beruflichen Vielfalt hält ApoDec ein passendes Konzept parat. Der Projektraum bietet einen fruchtbaren Boden für alle, die daran interessiert, sich im Austausch zu entwickeln und dabei auf neue Formate zu stoßen. In Zeiten, in denen mit alten Strukturen gebrochen wird, scheint gerade dies der richtige Weg zu sein. Starre Definitionen werden hinterfragt, Ideen werden offen weiterentwickelt und erzeugen neue Gedanken und Anstöße. Dabei aber entsteht nicht allein Austausch. Gleichermaßen wird durch das Konzept sichtbar, dass eine produktive Auseinandersetzung mit der Krise in vollem Gange ist. Marianna und Tenia fungieren dabei als Gastgeberinnen, die zuhören, mit diskutieren und Formen offerieren. Aller Anfang aber ist das Gespräch: „Wir sind hier“ , sagt Marianna. „Wir können einen Kaffee trinken und überlegen, was wir zusammen erreichen können.“

Kontakt über Facebook: https://www.facebook.com/apodecdesign

 

 

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FEAST THESSALONIKI – Zukunftsplanung beim Abendessen

FEAST Thessaloniki: Kreativwirtschaft trifft auf Demokratie ©John Simitopoulos

FEAST Thessaloniki: Kreativwirtschaft trifft auf Demokratie ©John Simitopoulos

Ein Mensch allein kann die Welt kaum verändern. Dazu braucht man viele Hände und ebenso viele Ideen. Auch benötigt werden Austausch, gegenseitige Unterstützung und offene Ohren. Mit FEAST Thessaloniki kombinieren Niki und Argyro all diese Faktoren und servieren sie mit Essen. In legeren Dinnerevents präsentieren Menschen ihre Projekt- und Businessideen, das Publikum stimmt ab und der Gewinner bekommt Geld.

Das Konzept ist schnell erklärt: Einen Monat vor jedem Event ruft FEAST Thessaloniki dazu auf, Projektskizzen einzureichen. Die besten Unternehmer in spe erhalten die Möglichkeit, ihre Idee im Rahmen einer Veranstaltung zu präsentieren, die kreativen Austausch mit einem lockeren Abendessen verbindet. Die Teilnehmer bezahlen 10 Euro Eintrittsgeld. Speisen und Getränke werden von Sponsoren bereitgestellt. Menschen essen, reden, hören sich Ideen an, erläutern ihre Meinung und tauschen sich aus. Dann wird abgestimmt – geheim und demokratisch – und die Gewinner-Idee wird unterstützt mit dem Geld, das durch den Eintritt zusammengekommen ist. Um Transparenz zu wahren, muss der gewählte Sieger auch an der nächsten Veranstaltung teilnehmen und offenlegen, wofür er das Geld verwendet hat.

Argyro im 'ApoDec' Projektraum in Thessaloniki ©EUdyssee

Argyro im ‘ApoDec‘ Projektraum in Thessaloniki ©EUdyssee

Inspiration – Austausch – Handlung

Feast wurde im letzten September auf meinem Balkon geboren, als Niki und ich zusammen etwas getrunken haben“ , erinnert sich Argyro. „Ich war gerade aus Berlin zurückgekommen, wo ich eine Ausstellung besucht hatte über Kultur im öffentlichen Raum und wie Kulturinstitutionen das Stadtbild mitprägen.“ Dort erfuhr sie vom amerikanischen Projekt Detroit Soup. Beide mochten die Idee so sehr, dass sie sich dazu entschlossen, sie nach Griechenland zu bringen. Mit Erfolg. Zwei Veranstaltungen sind bereits über die Bühne gegangen und im September geht das Projekt in die zweite Phase. „Wir werden eine genaue Analyse der ersten Events vornehmen und darauf basierend unsere weitere Strategie ausrichten. Wir werden das schriftlich festhalten und uns genaue Vorstellungen darüber machen, wie wir das ganze weiterführen“ , erklärt Niki.

Niki nimmt Teil am kreativen Boom in Thessaloniki. ©EUdyssee

Niki nimmt Teil am kreativen Boom in Thessaloniki. ©EUdyssee

Die Feast-Events kombinieren das Konzept des sogenannten Online-Crowdfundings, bei dem Startups und Projekte sich auf einer Webseite präsentieren und von Interessierten finanziell unterstützt werden können, mit der Idee des Netzwerkens. „Unser Hauptanliegen ist die Finanzierung der Projekte“ , sagt Niki. „Aber Netzwerken steht sicherlich an zweiter Stelle, denn auch wenn nur einer am Ende mit dem Geld nach Hause geht, kommen die Teilnehmer in Kontakt mit anderen Leuten aus der Kreativwirtschaft und so ergibt sich eine Eigendynamik.“ Zweifelsohne ist die Zusammenführung verschiedener Kompetenzen ein wesentlicher Faktor in der Kreativwirtschaft. Viele arbeiten allein. Und wenn Aufgaben wie Projektmanagement, Finanzierung oder Marketing nicht die nötige Aufmerksamkeit erhalten, kann selbst die beste Businessidee scheitern. Wenn aber ein gutes Geschäftskonzept auf professionelle PR stößt, besteht weitaus mehr Aussicht auf Erfolg.

Der kreative Boom der Krise

Neben Braindrain, Arbeitslosigkeit und den Absurditäten politischer Fehlentscheidungen hat die Krise (nicht nur) in Griechenland auch zu einer neuen Denkart geführt. „In schwierigen Zeiten musst du kreativ sein“ , erklärt Niki, und Argyro wirft ein, dass sich auch die Einstellung bezüglich der Höhe von Investitionen verändert hat. „Man denkt nicht mehr an hunderttausende von Euros. Man konzentriert sich auf das Wesentliche, auf Dinge die am Großradar vorbei in deiner eigenen Umgebung passieren. Ich sehe z.B. dass Konzerte, Veranstaltungen oder Ausstellungen zunehmend an Qualität gewinnen. Ich denke, dass der Trend in die Richtung local und live geht, dass man Teil seiner Gemeinschaft sein und gemeinsam Erfahrungen sammeln will.“

Argyro, die lange im Bereich Kulturmanagement tätig war und Niki, die einen Postgraduierten-Abschluss in European Urban Culture in der Tasche hat, scheinen ein Konzept nach Griechenland gebracht zu haben, das eine große Lücke füllt. FEAST Thessaloniki wurde bereits nach Athen, Katerini, Veria und Kreta eingeladen. Dies macht deutlich, dass viele Griechen sich auf die Zukunft konzentrieren; eine Zukunft IN Griechenland. Viele Menschen sind gut ausgebildet, sind gereist, haben im Ausland studiert und kommen zurück mit Ideen, die individuelle Wege aus dem wirtschaftlichen Chaos und der finanziellen Abhängigkeit bereithalten. Gleichzeitig bieten Konzepte wie FEAST Thessaloniki eine Umgebung, in der diese Ideen gedeihen können und – vor allem – die Unterstützung finden, die sie benötigen.

Finanzierung und Netzwerken. Die 'FEASTS' sprechen viele Ebenen an. ©John Simitopoulos

Finanzierung und Netzwerken. Die ‘FEASTS’ sprechen viele Ebenen an. ©John Simitopoulos

Allem voran aber geben Niki und Argyro Unternehmern neue Perspektiven, die über den Faktor der Finanzierung weit hinausgehen. Ihr Konzept vereint Kreativität, verantwortungsbewusste Wirtschaft, lokale Bedürfnisse und demokratische Werte. Dennoch scheinen die Europäische Union und der griechische Staat immer noch auf Milliardeninvestitionen von global agierenden Unternehmen zu warten. Und während sie warten, versäumen sie Verwaltungshürden abzubauen und Menschen zu unterstützen die willens sind und die Fähigkeiten dazu haben, kleine aber funktionale Geschäftsmodelle zu verwirklichen. FEAST Thessaloniki will dabei nicht das Rad neu erfinden. Niki und Argyro halten lediglich ihre Augen offen, hören zu, registrieren das, was bereits besteht und bringen Menschen zusammen – eine simple Strategie mit dem Potenzial, viele jener Probleme zu lösen, zu denen unsere gewählten Vertreter einfach nicht durchzudringen scheinen.

Hier der Link zur englischen Übersetzung des Artikels unter www.eudyssee.eu.
Hinter diesem Satz verbirgt sich die offizielle Webseite von FEAST Thessaloniki.
Hier die Facebookseite des ApoDec-Projektraumes.
Und zu guter letzt noch ein Link zur Webseite des Detroit-Soup-Projektes. 

 

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Der Durst Europas nach mehr Demokratie

Trotz der Athener Drohgebärden gingen die Mensch zur Abstimmung.

Trotz der Athener Drohgebärden gingen die Mensch zur Abstimmung.

Parallel zur ersten Runde der Kommunalwahlen waren die Bürger von Thessaloniki am Sonntag dazu aufgerufen, über die Privatisierung des städtischen Wasserwerks abzustimmen. 98% der Wähler votierten ‚Oxi’ und sprachen sich somit gegen den Verkauf der Firma EYATH aus. Aber: Das Referendum ist inoffiziell. Noch am Samstag erklärten das Innenministerium und der oberste Gerichtshof in Athen die Abstimmung für illegal. Und trotzdem: 218.000 Menschen gaben ihre Stimme ab

Organisiert wurde das Referendum durch die Bürgerinitiative Soste To Nero und nicht von der Stadt. „Es ist ein privates und kein öffentliches Referendum“ , erklärt Giannis Konstantinidis, Professor für Ingenieurswissenschaften und Mitinitiator der Initiative. „Die Stadt Thessaloniki verfügt nicht über die entsprechenden gesetzlichen Grundlagen. Aber wir glauben, dass wenn genügend Leute abstimmen, dies Druck auf die Regierung ausübt.“

Referendum trotz Verbots aus Athen

Und es kamen genügend Leute. Die Hoffnung der Veranstalter war es, durch die organisatorische Kopplung an die Kommunalwahlen eine repräsentative Anzahl Bürger an die Urnen zu bringen. Mehr als die Hälfte der Wähler stimmten auch für das Referendum ab. „Viele Menschen kommen zur Abstimmung und nehmen nicht an der Kommunalwahl teil“ , berichtet eine freiwillige Helferin in einem Wahlbezirk im Ostteil der Stadt, wenige Stunden vor Schließung der Wahllokale. Zum Schluss gaben 40% der gut 500.000 Wahlberechtigten ihre Stimme ab – ein Erfolg, der die kühnsten Erwartungen der Organisatoren übertraf.

Bis zum frühen Morgen wurden unter den Augen internationaler Wahlbeobacter die Stimmen ausgezählt.

Bis zum frühen Morgen wurden unter den Augen internationaler Wahlbeobachter die Stimmen ausgezählt.

Unerwartete Unterstützung kam von der Regierung aus Athen. Am Samstag Mittag, keine 24 Stunden vor Öffnung der Wahllokale, erklärten Innenministerium und der oberste Gerichtshof das Referendum für illegal. Sie begründeten dies mit den gleichzeitig stattfindenden Kommunalwahlen, untersagten den Veranstaltern des Referendums ihre Urnen in den Wahllokalen aufzustellen und kündigten Strafen an für alle, die Wahllisten aushändigten. „Das ist nur ein Bluff der Regierung“ , kommentierte Juán Antonio Julián, Koordinator der internationalen Wahlbeobachter, das abrupte Vorgehen der Regierung. „Wir glauben sogar, dass dies der ganzen Sache noch einmal an Schub verliehen hat.“

Und er behielt Recht. Die Polizei hielt sich im Hintergrund. Keiner der internationalen Beobachter, die in Delegationen aus Deutschland, Schweden, Italien, den Niederlanden, Bulgarien, Frankreich und Österreich angereist waren, meldete besondere Vorkommnisse. Sie lobten sogar die gute Organisation von Seiten der Veranstalter, besonders vor dem Hintergrund der abrupten Änderungen, die nach dem Athener Verbot vorgenommen werden mussten. Die Wahlurnen wurden vor den offiziellen Wahllokalen positioniert und die Wahllisten auf Vor- und Nachnamen reduziert, um jede Verbindung zu den Kommunalwahlen auszuschließen

An einigen Wahllokalen nahmen die Menschen lange Wartezeiten in Kauf.

An einigen Wahllokalen nahmen die Menschen lange Wartezeiten in Kauf.

Der europäische Gedanke ist basisdemokratisch

Obwohl das Referendum in Thessaloniki in den ausländischen Medien nahezu unkommentiert blieb, ist es als Teiletappe auf dem Weg zu einem demokratischeren Europa zu werten. Nach der ersten erfolgreichen European-Citizens’-Initiative-Kampagne Right2Water, die sich mit mehr als 2.000.000 Millionen Stimmen europaweit allgemein gegen die Privatisierung von Trinkwasser aussprach, sowie ähnlichen nationalen Aktionen beispielsweise in Berlin und Paris, zeichnet sich ein deutliches Bedürfnis aller europäischen Bürger nach mehr Mitbestimmung ab.

Dies wird nicht nur durch die zahlreichen Solidaritätsbekundung in den sozialen Netzwerken deutlich, sondern auch an den Menschen vor Ort. Hunderte von Helfern aus Thessaloniki sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Die Stimmung war friedlich. Das Referendum verlief bestimmt und zivilisiert. Unterstützer waren auch aus anderen europäischen Ländern angereist, unter ihnen Claus Kittsteiner aus Deutschland. Offiziell als Beobachter für den Berliner Wassertisch vor Ort, wanderte er von einem öffentlichen Auftritt zum nächsten, gab Radio- und Fernsehinterviews und warnte die Menschen vor den Gefahren der Privatisierung.

Ein vereintes Europa führt nicht am Volk vorbei

'Nai' oder 'Oxi' - Ja oder Nein wurde gefragt.

‘Nai’ oder ‘Oxi’ – Ja oder Nein wurde gefragt.

Das für viele bereits totgeglaubte Europa zeigt dabei vor allem eins: Trotz Krisenpolitik und Zwangsprivatisierungen, trotz mangelnder Transparenz der Verwaltungen und der Wirtschaft: Politik ist Sache des Volkes. Der Weg zu einem vereinten Europa darf nicht an der Einbeziehung der Bürger in politische Entscheidungen vorbeiführen. „Es geht hier nicht einfach um Wasser, sondern um die Demokratie als solche“ , erklärt auch Janna Tsokou von Soste To Nero. Wie die Regierung in Athen jetzt mit den deutlichen Ergebnissen des Referendums umgeht bleibt abzuwarten. Eine offizielle Reaktion gab es bisher nicht.

Die Stadt Thessaloniki und die Bürgerinitiative können die Abstimmung als großen Erfolg verbuchen. Der hohe organisatorische Aufwand hat sich schon allein deswegen gelohnt, weil ein Großteil der Bürger zumindest aufgeklärt werden konnte. Dass der Verkauf der Wasserwerke gestoppt wird ist unwahrscheinlich. Darüber ist man sich bewusst. Falls Athen gar nicht reagiert, besteht die Gefahr einer erneuten Ernüchterung. Zu oft schon sind die Bürger an der Regierung abgeprallt. Allem voran aber sind Fragen nach einem grundsätzlichen Bedarf an mehr direkter Demokratie aufgeworfen worden, die es in Zukunft zu beantworten gilt – und das nicht nur in Athen, sondern überall in Europa.

Dieser Beitrag erschien erstmalig am 19.05. als Gastbeitrag für den Blog der European Citizens’ Initiative auf Englisch.

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Griechisches Innenministerium will Referendum gegen Wasserprivatisierung verhindern

*Innenministerium versucht Boykott in letzter Minute*  *Referendum findet statt* *Wut der Kommunen auf Athen*

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Seit einer Woche begleite ich die Bewegung ‘Soste to Nero‘, die sich gegen die Privatisierung der Wasserwerke der Stadt Thessaloniki engagiert. Ein inoffizielles Referendum, das für morgen parallel mit den Kommunalwahlen angesetzt ist, soll den Bürgern der Stadt eine Möglichkeit geben, ihre Stimme in Athen hörbar zu machen.

Nachdem heute morgen Delegationen, die als Wahlbeobachter und Unterstützer aus ganz Europa angereist waren, zu einer Besprechung zusammenkamen, erreicht mich jetzt die Nachricht, dass das Innenministerium in Athen das Referendum in letzter Sekunde verhindern will. Somit sollte den Organisatoren untersagt werden, die Abstimmung in den Wahllokalen abzuhalten und Wahlzettel auszuhändigen. 

Der letzte Stand ist. Das Referendum findet statt! Die Wut der Kommunen auf den Boykottversuch der Athener Regierung ist maßlos. Das Innenministerium spricht von “einigen wenigen, die ein Referendum abhalten wollen.” Umfragen einer Tageszeitung in Thessaloniki zeigten, dass sich 75% der Bürger GEGEN die Privatisierung aussprechen.

Die Initiative ‘Soste To Nero’ hatte sich im letzten Jahr gegründet um sich gemeinsam mit den Kommunen gegen den Verkauf der Wasserwerke einzusetzen. Da Griechenland nicht föderalistisch organisiert ist, liegt die Entscheidungsgewalt offiziell bei der Regierung in Athen. Diese hatte ‘TAIPED,’ den ‘Hellenic Republic Asset Development Fund’ , eine Aktiengesellschaft ähnlich der Treuhand, mit dem Verkauf beauftragt. Die Gesetzgebung sieht in einem solchen Fall kein offizielles Referendum vor. Aus diesem Grund hatte die Bürgerinitiative morgen zu einer inoffiziellen Abstimmung aufgerufen.

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Der Strand bin ich – Wie Griechenland Bürgerrechte verkauft

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Griechenlands Küste umfasst ca. zehntausend Kilometer. Sie ist ein fundamentaler Bestandteil der Kultur und wird als wichtigste Ressource des Landes betrachtet. Aus diesem Grund verpflichtet die griechische Verfassung zur Erhaltung der Umwelt. Und: der freie Zugang zum Meer ist gesetzlich verankert. Dieses Grundrecht steht jetzt zum Verkauf. Der zuständige Finanzminister will ein Gesetz verabschieden, das Privatinvestoren den Erwerb von Küsten- und Strandgrundstücken ermöglicht. Doch: die Bürger begehren auf.

Ich treffe Vivianna Metallinou in einem Restaurant an der Strandpromenade von Thessaloniki. Die Begrüßung ist herzlich. Während des Interviews werden frittierter Calamares und Ouzo serviert. Vivianna ist eine vielbeschäftigte Frau. Kontaktiert hatte ich sie als Initiatorin einer Onlinepetition auf change.org gegen das neue Gesetz zur erweiterten privaten und kommerziellen Nutzung von Küstengrundstücken. Nebenbei erfahre ich, dass die Architektin und Absolventin des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) für den Stadtrat kandidiert, der am 18.5. neu gewählt wird.

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Vivianna Metallinou setzt sich für Bürgerrechte ein. Als Insulanerin sind die Strände ihr ein besonderes Anliegen.

Der Strand ist ein Grundrecht

Als wir auf die Petition zu sprechen kommen, ist ihr erster Kommentar: „Das ist ein Akt der Provokation.“ Die Entscheidung zur Freigabe der Strände sei hinter verschlossenen Türen und in erster Linie durch Wirtschaftsberater und nicht von gewählten Volksvertretern gefällt worden, erklärt sie. Seit Beginn der Krise ist dies nicht der erste Eingriff in die Grundrechte der griechischen Bürger. Bisher machte sich der lapidare Umgang mit der Verfassung vor allem im Gesundheitswesen bemerkbar: Nur noch ein drittel der Griechen ist krankenversichert und hat Zugang zu medizinischer Versorgung.

Die Krise hat das Land weiterhin fest im Griff. Dabei hofft die Regierung in Athen auch durch den Verkauf von Staatsbesitz auf langfristige Besserung; eine Strategie, die die Troika zur Bedingung für Hilfskredite gemacht hat. In ihrem letzten Bericht hatte diese aber darauf hingewiesen, dass es gerade beim Punkt Privatisierung an zufriedenstellenden Fortschritten mangele. Abgewickelt werden die Geschäfte durch die TAIPED, einer Aktiengesellschaft mit Sitz in Athen. Alleiniger Gesellschafter ist der griechische Staat. Verkauft wird alles, von Flughäfen über Gasunternehmen bis hin zu Grundstücken. Dabei macht das Unternehmen weder mit großen Erfolgen, noch mit Transparenz von sich Reden. Nun hat die EOT, das Griechische Fremdenverkehrsamt, das direkt dem Ministerium für Kultur und Tourismus unterstellt ist, der TAIPED grünes Licht gegeben für den Verkauf von Strandgrundstücken an Privatinvestoren.

Tourismus funktioniert auch ohne Privatstrand

„Ein paar Grundstücke, okay, aber direkt alles und ohne Vorgaben“ , kritisiert Vivianna das radikale Vorgehen der Regierung. Jeder, der genug Geld hat, kann kommen, ein Stück vom Strand kaufen, nach Lust und Laune bebauen und sogar Änderungen vornehmen, z.B. Teile der Küste betonieren etc. Dabei lauert hier nicht nur die Gefahr, ganze Küstenabschnitte zu verschandeln, wie es in z.B. in Südspanien passiert ist. Vielmehr verscherbeln die Athener Politiker mit der Küste die wichtigste Ressource Griechenlands. Und nicht zuletzt hat das Land, das zu großen Teilen am Tourismus hängt, bereits in den 50er und 60er Jahren gelernt, dass das Geschäft mit dem Urlaub auch ohne Privatstrand boomt.

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Das von Konstantinidis gebaute Xenia-Hotel auf Mykonos.

In der Zeit von 1957 bis 1967 war der griechische Architekt Aris Konstantinidis Leiter des Xenia-Programms, einer Initiative des Fremdenverkehrsamtes zur baulichen Erschließung des Tourismussektors. Konstantinidis zeichnete sich dabei vor allem durch seinen nachhaltigen Ansatz aus. Sein Stil ist geprägt von einer modernen Formsprache, die er als Fortführung der griechischen Tradition verstand. Seine Bauten sind dabei nicht nur farblich und dimensional in die Landschaft eingebunden, sondern beachten klimatische Bedingungen, indem sie z.B. Schattenzonen zur Verfügung stellen und aus traditionellen Materialen errichtet werden. Der Großteil seiner Gebäude gehört inzwischen zum Kulturerbe, hat den griechischen Tourismus über Jahrzehnte geprägt und dabei den öffentlichen Zugang zum Strand stets gewährleistet.

Für seine Rechte eintreten

Jetzt soll das Gesetz 2971/2001 zu wirtschaftlichen Zwecken radikal verändert werden und der durch den Artikel 24 der Verfassung auferlegte Schutz der Umwelt bleibt außen vor. „Griechenland ist ein nautisches Land. Das Meer ist eine Lebensart der Griechen“ erklärt Vivianna und unterstreicht die Brisanz des Gesetzes für die Bevölkerung. Bemerkbar mache sich dies vor allem im breiten Widerstand gegen das Vorhaben. Neben ihrer Petition auf change.org, die in wenigen Tagen fast 25.000 Unterzeichner gefunden hat, gibt es noch eine weitere auf avaaz.org sowie diverse Social Media Initiativen. Gerade im Internet beklagen viele Menschen in Griechenland den respektlosen Umgang mit demokratischen Grundsätzen von Seiten der Regierung. Dabei aber spielen nicht nur ethische Fragen eine Rolle, erklärt Vivianna. „Der Konflikt ist real, es ist Politik und es geht darum, für seine Rechte einzutreten.“

 

 

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Einklang in der EU? Das European Union Youth Orchestra zeigt wie

Was für die meisten Institutionen der EU wie ferne Zukunftsmusik klingt, ist für das European Union Youth Orchestra Alltag. Seit 1976 bietet das EUYO begabten NachwuchsmusikerInnen aus allen Mitgliedsstaaten der EU die Möglichkeit, mit anspruchsvollen Programmen und namhaften Profis auf Tour zu gehen. Ganz nebenbei zeigen sie, wie Europa sein könnte.

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Das EUYO ist eines der renommiertesten Jugendorchester der Welt und verbindet Professionalität mit Austausch und sozialer Verantwortung.

Im Zeichen der Euro-Krise hat der Kultursektor, der es ja auch in finanziell besseren Zeiten nicht immer leicht hat, umso mehr zu leiden. Gerade in kleineren Städten trifft es Theater-, Opern- und Konzerthäuser hart. Dabei verzeichnet man besonders in Griechenland, als dem vermeintlichen Epizentrum der Krise, einen steigenden Bedarf an kulturellen Angeboten.

Umso erfreulicher, dass zumindest hier die Europäische Union ein gutes Zeichen setzt: Das European Union Youth Orchestra besteht aus bis zu 140 jungen NachwuchsmusikerInnen aus allen (inzwischen) 28 Mitgliedsländern der Europäischen Union, die zweimal pro Jahr auf Tour gehen. In diesem Frühjahr ging es nach Abu Dhabi, wo keine Geringeren als Vladimir Ashkenazy am Pult und EUYO-Alumni und Starcellist Gartier Capucon mit dem Orchester auftraten. Der Tourauftakt fand in Thessaloniki statt, wo es, neben der Musik, vor allem um Begegnung ging.

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Wer im Konzertbau in Thessaloniki spielt, kann sich in den Pausen am Meer erholen.

Gelebte Politik im Zeichen der Musik

Dominik aus Deutschland, Babis aus Griechenland, Patrycia aus Spanien sowie Vilém und Radka aus der Tschechischen Republik haben einen straffen Zeitplan. Als Mitglieder des EUYO sind sie nicht zum baden nach Griechenland gekommen, sondern absolvieren während ihres einwöchigen Aufenthalts in Thessaloniki ein beachtliches Programm: Proben, ein Konzert abends, zwei am nächsten Vormittag für Kinder und Jugendliche sowie ein abendlicher Auftritt in einem Nachtclub. Nebenbei erklären sie Gruppen von Schülerinnen und Schülern, was genau sie da für Instrumente haben und wie die funktionieren.

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“In Spanien fühle ich mich als Europäerin und im Ausland als Spanierin”, sagt Cellistin Patrycia.

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Kontrabassist Dominik ist ein europäischer Bayer. Unvorstellbar für die CSU!

Auf meine Fragen nach ihrer Einstellung zu Europa, ob dies ein Thema war, als sie für das Orchester vorgespielt haben und ob sie sich als Europäer fühlen oder nicht, ernte ich zunächst verwirrte Blicke. „Es geht eigentlich nur um die Musik“, sagt Babis, Musiklehrer aus Athen. „Es ist einfach ein gutes Orchester. In Graz, wo ich studiere, spielen wir permanent mit Leuten aus der ganzen Welt, also ist das für mich normal“, ergänzt Patrycia, Cellistin aus Madrid. Soviel europäische Selbstverständlichkeit überrascht mich und Charlotte, PR-Frau sowie organisatorischer Dreh- und Angelpunkt des Orchesters, sieht mir meine Enttäuschung an: „Wir sagen, dass das Orchester eine Metapher dafür ist, wie die EU funktionieren sollte. Es erzeugt Harmonie und zeigt das Beste aller europäischen Nationen.“

Das klingt schon eher nach einer druckreifen Antwort, wobei es nicht die theoretische Idee ist, die dem Orchester seine besondere Aura verleiht, sondern der zwanglose Umgang der MusikerInnen untereinander. Politik ist Nebensache. Vielmehr setzen sie um, was in Brüssel so verzweifelt herbeigesehnt wird: Direkter Austausch, Begegnungen und ein (professionelles) Miteinander. „Wir sehen viel, wenn wir auf Reisen sind“, sagt Kontrabassist Dominik, der sich eher als Bayer denn als Deutscher definieren würde.

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Als überzeugter Europäer freut sich Vilém aus der tschechischen Republik über das EUYO.

„Und dabei tauschen sie sich aus“, ergänzt Charlotte. „Wir sitzen hier nicht rum und diskutieren Politik. Das würde keinen Sinn ergeben. Aber ich beobachte, wie sie kulturell voneinander lernen. Sie stellen sich Fragen, z.B. über die vielen Graffitis, die wir hier in Griechenland sehen, und sie bekommen Antworten. Und dann beginnt ein interkultureller Dialog.“

Radia spielt Geige im EUYO und lernt nebenbei die Welt kennen.

Radka spielt Geige im EUYO und lernt nebenbei besser Englisch und die Welt kennen.

 

 

 

 

 

 

Auf Tuchfühlung mit Musik und Europa

Am Bühnenausgang des Megaron, des großen Musikbaus in Thessaloniki, tummeln sich die EUYO-Mitglieder am direkt angrenzenden Meer. Nach einem regulären Konzert am Vorabend hat das European Youth Orchestra Schulen aus der Stadt eingeladen, um sich eine Veranstaltung anzuschauen, die ihnen nicht nur die klassische Musik, sondern auch Europa auf unbefangene Weise näher bringen soll. Eine Moderatorin stellt die einzelnen Nationen des Orchesters vor. Frenetischer Applaus für die griechischen Musiker, vereinzelte Buhrufe für die Deutschen. Selbst bei jungen Griechen unter 16 macht sich die Krisenpolitik der Bundesregierung bemerkbar.

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“Griechischer Jungendlicher bringt Harmonie in die EU” – wäre eine wünschenswerte Schlagzeile. Mit dem EUYO wird sie zumindest symbolisch möglich gemacht.

Dann aber spricht die Musik und löst den politischen Alltag in Wohlklang auf. Ein Junge und ein Mädchen aus dem Publikum werden auf die Bühne geholt, platzieren sich auf dem Dirigentenpult, schwingen den Taktstock und MusikerInnen aus der ganzen EU reagieren auf ihre Bewegungen. Die Aktion erfährt ihre Symbolik vor allem vor dem Hintergrund, dass man in einem Land, wo die Jugendarbeitslosigkeit die 60%-Marke überschritten hat, bereits von einer verlorenen Generation spricht. Nach dem Konzert teilen sich die Musiker auf und präsentieren einzelnen Schülergruppen ihre Instrumente. „Das haben die sich selbst ausgedacht“, erklärt Charlotte, während die Kinder gebannt auf die Geigen und Celli starren oder sich über die grotesken Töne freuen, die man mit Blasinstrumenten erzeugen kann.

Musiklehrer Babis aus Athen führt Kinder in die Welt der Streichinstrumente ein.

Musiklehrer Babis aus Athen führt Kinder in die Welt der Streichinstrumente ein.

Kein Europa ohne die Europäer

Das EUYO ist eine Talentschmiede, die künstlerische Professionalität verbindet mit einem Verantwortungsbewusstsein für Kultur und Gesellschaft. Fernab der politischen Bühnen in Brüssel, Berlin oder London, leben die jungen Musikerinnen und Musiker eine Realität, die exemplarisch steht für das, was Europa sein könnte. In der Interaktion untereinander herrschen keine Widersprüche zwischen den diversen nationalen/regionalen Identitäten und der europäischen Idee. „Wenn ich in Spanien bin, fühle ich mich als Europäerin und wenn ich im Ausland bin als Spanierin“, erklärt Cellistin Patrycia beim Interview. Deutlich wird dabei vor allem eines: Politik ist nicht einfach ein Verwaltungsakt, sondern entsteht erst im gelebten Miteinander.

Weder Brüssel noch die verschiedenen Nationalstaaten werden ein europäisches Miteinander oktroyieren können. Schlussendlich sind es die europäischen Völker selbst, die einen gemeinsamen Weg finden müssen. Das European Youth Orchestra zeigt dabei, dass Einheit sich nicht über eine Währung definiert, sondern ein Prozess ist, der geleitet wird von gemeinsamen Handlungen und Austausch. Die europäische Verwaltung sollte sich darauf konzentrieren, Strukturen zu schaffen, die ebendies begünstigen.

 

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Living Postcards – Die vielen Seiten griechischer Produktivität

Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht – besonders dann, wenn etwas, das einmal als Krise angefangen hat, langsam aber sicher zum Alltag wird. In Griechenland führt dies vor allem dazu, dass sowohl im In- als auch im Ausland das bereits bestehende Potential des Landes konsequent übersehen wird. Das Internetportal living-postcards.com hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit diesem fatalen Trend zu brechen. Ohne dabei ein eigenes finanzielles Interesse zu verfolgen, werden Ideen präsentiert, die der Krise den so dringend benötigten positiven Ausblick entgegensetzen.

Illiada

“Change is life” sagt Iliada Evangelia Kothra, Initiatorin von living-postcards.com

Iliada Evangelia Kothra ist eine vielbeschäftigte Frau. Sie hat es sich – mitten in der Krise – zur Aufgabe gemacht, ihr Land zu erkunden und all die guten Ideen, Orte, Geschäfte und Unternehmen ausfindig zu machen, die Griechenland trotz der misslichen Situation zu bieten hat. Es geht dabei weniger um PR oder Werbung als darum, ein neues Licht auf die Situation zu werfen. Auf dem Internetportal living-postcards.com können Griechen und Nicht-Griechen sich davon überzeugen, dass das Land nicht nur aus faulen Kaffeetrinkern besteht und dass es neben den zweifelsohne existierenden Problemen mit Politik und Korruption auch zukunftsweisende Ansätze gibt.

Jeder, der sich von dieser Idee angesprochen fühlt, ist dazu eingeladen, Iliada und ihren Mitarbeitern einen Vorschlag zu schicken, der dann auf der Webseite veröffentlicht wird. Die Resonanz ist so hoch, dass das Team mit der Arbeit kaum hinterherkommt. Die Kategorien variieren von „Broke Greek Mountain,“ wo die im Ausland oftmals völlig unbekannte Welt der griechischen Gebirge präsentiert wird, über „Blue is aweseome,“ in der sich alles ums Meer dreht, bis hin zu „Food is pleasure,“ „Art is life“ oder „People.“ Vorgestellt werden hochwertige Hotels und Restaurants, Museen, Galerien, Persönlichkeiten, einzigartige Orte, Design, Mode etc. Unter den Rubriken „More than Bouzouki“ und „Happens now“ erfährt man überdies von Veranstaltungen, Konzerten und Ausstellungen.

Kleine Ideen gegen die große Krise

Die durch die Krise verschärfte Fokussierung auf Banken und Großunternehmen hat dazu geführt, die Bedeutung kleiner und mittlerer Unternehmen für den so dringend herbeigesehnten wirtschaftlichen Aufschwung zu unterschätzen. Dabei sind vor allem diese seit jeher das Rückgrat der hellenischen Wirtschaft und geraten mit Blick auf die korrupten Machenschaften von Großkonzernen und deren Verwicklung mit dem politischen Apparat im Zuge der Krisenpolitik beinahe in Vergessenheit. Zum anderen herrscht durch die Krise ein genereller Pessimismus vor, wodurch viele Griechen die Möglichkeit zu einer Verbesserung der Lage vor allem im Ausland oder in Form ausländischer Investitionen sehen. Dass eine nachhaltige Lösung für die Probleme der Krise jedoch ohne klein- und mittelständische Unternehmen im Land selbst nicht denkbar ist, wird auch in der Politik viel zu selten in den Fokus der Aufmerksamkeit gestellt.

TaMyleliaEUdyssee

Die Produkte von “Ta Mylelia” stammen aus eigener Herstellung.

Und in der Tat: Griechenland wartet auf mit zahlreichen wettbewerbsfähigen Produkten und Dienstleistungen z.B. im Tourismus- oder im Nahrungsmittelsegment, die auf living-postcards.com präsentiert werden. Man stößt dort auf Unternehmen wie „Ta Mylelia“, das in einer 350 Jahre alten Wassermühle auf Lesbos Mehl herstellt, dies zu traditionellen griechischen Pastavarianten weiterverarbeitet sowie weitere hochwertigen Feinkostprodukten anbietet. Oder das Kosmetiklabel „FISIKA,“ das kretische Öle und Kräuter zu natürlichen Pflegeprodukten weiterverarbeitet. Alles in allem ist eine Webseite entstanden, die ein breites Panorama an kleinen Lösungsbausteinen zur Schau stellt; Bausteine, die den Menschen in Griechenland Strategien aufweisen, um ihren eigenen Weg aus der Krise zu finden. Gleichzeitig wird allen Nicht-Griechen ein facettenreiches Land präsentiert, dem die aktuelle Berichterstattung zur Krise in vielen Fällen nicht gerecht wird.

FisikaEUdyssee

Das Label FISIKA bietet Pflegeprodukte, die in jeder Hinsicht den Ansprüchen der Nachhaltigkeit genügen.

Griechenland ist besser als sein Ruf

Der derzeit vorherrschende schlechte Ruf Griechenlands liegt auch darin begründet, dass viele bereits bestehende Unternehmen sich nicht ausreichend präsentieren. Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit ist die Kaufkraft im Land ist sehr gering. Umso wichtiger ist es, Kunden von der Qualität der Produkte und der Notwendigkeit zu überzeugen, mit ihren Einkäufen kleine und mittelständische Unternehmen zu unterstützen. Oftmals aber ist es nicht leicht, Informationen im Internet zu finden. Webseiten sind nicht auf dem neuesten Stand und es mangelt an Netzwerken. Dabei geht viel Potenzial verloren. Wichtig ist es auch, Kaufkraft aus dem Ausland zu generieren, administrative Hürden abzubauen, sowie Startups von staatlicher Seite aus mit Steuerentlastungen und Beratungen zu unterstützen.

Living-postcards.com zeigt auf, was das Land ganz real zu bieten hat und macht dabei vor allem eines deutlich: Es macht  keinen Sinn auf Milliardeninvestitionen aus dem Ausland zu warten und darauf zu hoffen, dass von heute auf morgen neue Arbeitsplätze entstehen. Die Wiederbelebung einer Volkswirtschaft ist ein langer Prozess, der von den Bürgern neben der Eigeninitiative auch die richtigen Entscheidungen abverlangt. Dabei geht es um ein generelles Umdenken, das über die Grenzen Griechenlands hinausgeht: Jeder Kauf ist auch eine politische Handlung. In unserem kapitalistischen System obliegt es schlussendlich dem Verbraucher Geschäftsmodelle zu unterstützen, die stabile Wege aus der Krise aufweisen, ohne dabei dieselben Fehler zu machen, die den wirtschaftlichen Kollaps überhaupt erst verursacht haben. Vielen Menschen in Griechenland wird langsam aber sicher bewusst, dass sie die Zügel selbst in die Hand nehmen müssen. Auf living-postards.com können sie sich davon überzeugen, dass die Mühe belohnt wird.

 

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Erinnern ist eine Frage des Ortes

Vor kurzem ging das 16. Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki zu Ende, eines der weltweit renommiertesten Festivals für dieses Genre. Ausgezeichnet mit dem Preis der internationalen Filmkritikervereinigung wurde der Film „Kalávryta,“ der sich mit den Massakern der Wehrmacht an der griechischen Zivilbevölkerung auseinandersetzt. Deutlich wird: Die Verantwortung Deutschlands für seine Vergangenheit kennt kein Ende.

Die ausgezeichneten Regisseure nach der Abschlussveranstaltung

Keine Ahnung, wie viele Filme, Dokumentationen, Bücher oder Fotos ich mir schon zu Gemüte geführt habe, in denen Nationalsozialisten bzw. die deutsche Wehrmacht Massaker verüben. In den meisten Fällen stellt das Material die grausamen Morde an Juden sowie der polnischen und russischen Zivilbevölkerung dar. Schwarzweiß oder (nachbearbeitet) in Farbe treiben Hitlers Helfer unschuldige Menschen zusammen und schlachten sie ab wie Vieh. Die Bilder lösen die immer gleiche Unfassbarkeit aus. Die mediale Flut des Grauens geht einher mit der automatisierten Scham vor den Verbrechen der Nazis. Mitgefühl für die unzählbaren Opfer wird zu einer Leistung des Gedächtnisses, die aus der Gewohnheit des Unsagbaren heraus genauso gut abrufbar, wie verdrängbar geworden ist.

Auf dem diesjährigen Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki, der Stadt, in der ich seit fast vier Monaten wohne, hatte ich ein Aha-Erlebnis. Nach zwei Filmen am Vormittag ging ich zum Screening von „Kalávryta – Menschen und Schatten,“ eine Dokumentation über die Verbrechen der Wehrmacht auf der griechischen Halbinsel Peloponnes. Unter der reichhaltigen Auswahl an Filmen schien mir dieser geradezu wie eine kulturelle Selbstverständlichkeit, eine Pflichtveranstaltung für mich als Deutschen, eine Situation, in der ich mein historisches Bewusstsein zur Schau stellen und Verantwortung übernehmen konnte. Als der Film anfing, merkte ich, dass irgendetwas anders war als sonst. All die Routine, die ich mir über die Jahre angeeignet hatte, die Abgeklärtheit gegenüber dem Grauen, alles weg. Warum hatte das Unbehagen mich eingeholt? Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich war ziemlich sicher der einzige Deutsche im Publikum. Und genau das machte alles anders. In der Schule, in der Uni oder verkatert am Sonntag mit Guido Knopp im Vorabendprogramm: Immer waren andere Deutsche um mich herum, so dass der Schrecken der Bilder, die wir alle schon hundertmal gesehen hatten, an einem Schutzschild abprallte, von dem ich annahm, dass es mein Stück des kollektiven Gewissens war.

Elias Yannakakis erinnert in seiner Dankesrede an die Situation mit Deutschland und die Probleme mit Faschismus in Griechenland.

Elias Yannakakis erinnert in seiner Dankesrede an die Situation mit Deutschland und die Probleme mit Faschismus in Griechenland.

Regisseur Elias Yannakakis macht gleich zu Beginn des Films klar, wie wenig das Trauma in Griechenland aufgearbeitet worden war. Sein Anliegen formuliert er damit, die Bilder der um ihre Männer und Söhne trauernden Witwen, die es als einziges Überbleibsel in das historische Gedächtnis des Landes gebracht haben, mit Namen und Geschichten zu behaften, um sie so von der Scham der Anonymität zu befreien. Yannakakis geht präzise vor in der Aufarbeitung des Verbrechens. Er lässt alle Massaker in der Umgebung von Kalávryta, die unter gleichnamigen Befehl von der deutschen Wehrmacht verübt worden waren, haargenau von denen erzählen, die sie er- und überlebt haben. Immer wieder, aus allen Perspektiven. Er reist der Spur der Zerstörung von Dorf zu Dorf nach, hinterfragt die Verantwortung der griechischen Partisanen an den Geschehnissen und räumt auch den Arbeiten des deutschen Journalisten Eberhard Rondholz, der sich bereits in den 80er Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigt hatte, viel Raum ein, lässt ihn – in fließendem Griechisch – zu Wort kommen und mit den Überlebenden reden.

Wie routiniert ich in Deutschland mit dem Thema umgehe fällt mir auf, als ich die vielen schockierten Gesichter um mich herum sehe. Menschen weinen oder starren fassungslos auf die Leinwand. Beinahe naiv erscheinen mir die Reaktionen angesichts meiner arroganten Abgeklärtheit. Und es ergreift mich die Scham. Nicht etwa, weil ich mich schuldig fühle für die Verbrechen, die die Wehrmacht verübt hat, auch nicht, weil mein Großvater als Soldat in Griechenland stationiert war, sondern vor dem Hier und Jetzt. Scham davor, dass der Präsident der Bundesrepublik Deutschland sich nach den vielen Jahrzehnten des Schweigens zwar für die Gräueltaten entschuldigt hat, die Bundesregierung den Rechtsweg (!) für Reparationszahlungen oder die Rückzahlung der von den Nazis erzwungenen Kredite jedoch kategorisch ausschließt. Genug ist genug, sagt man in der BRD, irgendwann muss auch mal Schluss sein. Was aus Deutschland heraus so leicht über die Lippen geht, wird den ungesühnten Verbrechen in Griechenland dabei nicht gerecht. Erst recht nicht vor dem Hintergrund der Europäischen Union, jenem Staatenbund, der Frieden und Wohlstand für alle auf dem Kontinent versprach.

Die Münchenerin Anna Brass präsentierte ihren Film „Leaving Greece“ in Thessaloniki.

Die Münchenerin Anna Brass präsentierte ihren Film „Leaving Greece“ in Thessaloniki.

Europa ist die große Chance für uns Deutsche, nicht etwa unsere Schuld zu begleichen, denn die meisten von uns gehören zur Nachkriegsgeneration, sondern Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen. So wie die Münchener Regisseurin Anna Brass, die für ihren Film „Leaving Greece“ nach Patras und Lesbos reist um das Schicksal von minderjährigen Afghanen zu porträtieren, die in der Überforderung der griechischen Behörden, sowie der verheerenden europäischen Flüchtlingspolitik, einfach vergessen werden – Jugendliche, die festsitzen im Diesseits der europäischen Grenzen. Anna Brass ist eine Deutsche, die ihre eigenen Erfahrungen gemacht hat mit der „Goldenen Morgenröte,“ jener faschistischen Parlamentspartei, die Teile Athens unter ihrer Kontrolle hat. Und sie ist eine Europäerin, die sich auf dem Filmfestival in Thessaloniki der Kritik des Publikums stellt und bereit ist zu einem Dialog, der in Europa so dringend benötigt wird.

Das Bild der Deutschen in Griechenland hat stark gelitten und nicht immer wird es uns gerecht. Doch mache ich täglich die Erfahrung, dass die Menschen sehr wohl unterscheiden können zwischen der Krisenpolitik der Bundesregierung und dem Deutschen, den sie auf der Straße treffen. Man will vor allem kommunizieren, sich austauschen über die Situation. Die meisten hier sind sich darüber im Klaren, dass Griechenland kein Unschuldslamm ist – die meisten jener Mitte 20-Jährigen, die lieber in ihrer Heimat arbeiten würden, als im Zugzwang der Krise zu fliehen. Eine Generation, die sich nichts zu Schulden hat kommen lassen, bzw. nicht einmal die Chance dazu hatte, steht unerfahren und ohnmächtig vor dem komplizierten Wirrwarr europäischer Entscheidungen, nationalstaatlich orientierter Interessen, einer unter dem Deckmantel der Brüderlichkeit verborgenen Indifferenz hinsichtlich ihrer katastrophalen Situation und dem Vergessen davor, was Menschen wie Willy Brandt und Jean Monnet dazu bewegt hat, ein vereintes Europa zu den Hauptanliegen der Nationalstaaten zu machen.

 

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Schöner einkaufen in der Krise – Direktverkauf versus Supermarkt

In den großen Markthallen am Aristoteles Platz in Thessaloniki kann man ALLES kaufen, was man braucht.

In den großen Markthallen am Aristoteles Platz in Thessaloniki kann man ALLES kaufen, was man braucht.

Nachdem der letzte Post von einem jener vielen Probleme berichtet hat, die den Griechen in der Krise das Leben schwer machen, bin ich inzwischen auch auf Lösungsansätze gestoßen. Zur Erinnerung: Gemessen am Mindesteinkommen sind die Preise für Lebensmittel und andere essentielle Gebrauchsgüter in Griechenland höher als in jedem anderen Land in der EU. Bei den Beträgen, die hier an den Supermarktkassen über die Theke wandern, fragt man sich, wie die vielen Menschen, die für einen Mindestlohn von 2,50 Euro (!!!) arbeiten bzw. ganz ohne Einkommen dastehen, satt werden.

Die Antwort: Große Supermärkte wie Masoutis, Carrefour oder Lidl schlichtweg vermeiden und dafür die guten, alten Märkte unterstützen. Wie auch in Deutschland gibt es in Griechenland Wochenmärkte, bzw. Volksmärkte (λαϊκή αγορά), sowie einen ganzen Haufen Markthallen. Dort wird alles feilgeboten, was man zum Leben braucht. Die Preise unterscheiden sich drastisch von denen in den Supermärkten – was in Deutschland wohlgemerkt auch der Fall ist (einfach mal im Kaisers oder Real eine Paprika kaufen, dann eine auf dem Markt und mal sehen, welche preiswerter ist).

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Orangen zur Hälfte des üblichen Supermarktpreises.

Der Grund, dass die Waren in den Supermärkten teurer sind liegt natürlich nicht nur an der oftmals dubiosen und undurchsichtigen Preispolitik der Betreiber, sondern auch an den Kosten, die ein großer Laden mit sich bringt, sowie den langen Wegen, die die Waren zurücklegen müssen. Das Gros wird importiert, industriell verarbeitet, verschifft, geht über Zwischen- und Großhändler, sprich, bis die Ware beim Endverbraucher ankommt, hat sie bereits mehrere Stationen durchlaufen, die sich im Endpreis bemerkbar machen.

Wer sich auch nur annähernd mit dem völlig inflationär benutzten Begriff der Nachhaltigkeit beschäftigt, weiß indes, dass es aus diesen Gründen besser ist, möglichst auf Waren aus der Region zurückzugreifen. Und das nicht nur, um die Umwelt zu schonen, sondern auch, weil ein Bauer in Spanien oder ein Käseproduzent in Griechenland kaum etwas verdient, wenn seine Produkte in deutschen Alditüten landen.

In Thessaloniki haben die Universität sowie diverse Initiativen jetzt neue Märkte gegründet. Sie unterscheiden sich von den üblichen Wochenmärkten, die ihre Produkte in der Regel auf dem Großmarkt erstehen, darin, dass die Waren direkt von den Produzenten verkauft werden. Das sieht dann so aus, dass am Sonntag der Lieferwagen zum mobilen Geschäft wird und Gemüse, Obst, Oliven, Käse, Öl – alles eben, was die Umgebung so hergibt – an den Mann gebracht werden. Die Qualität ist gut, die Preise günstig. Beispiel: Für ein Kilo Orangen zahlt man in einem Supermarkt fast einen Euro, auf besagtem Markt weniger als die Hälfte. Und: der Umsatz geht zu 100% an die Person, die sie mit viel Arbeit und auf eigene Kosten angebaut hat.

 

Der Kunde kauft direkt beim Produzenten. Dieser hat zum Schluss mehr in der Tasche, während der Kunde weniger zahlt. “Absurd!” sagen die großen Supermarktketten.

Abgesehen davon, dass die Waren erheblich günstiger sind, ist auch die Atmosphäre wesentlich angenehmer. In der Regel kommt es zu Gesprächen mit den Verkäufern, ein Extraapfel wandert in die Tasche und man unterhält sich über die Situation, über das Leben und natürlich über die Ware. Lebensmittelkaufen wird zu einem sozialen Akt, von dem beide Seiten profitieren und der in Zeiten von Riesensupermärkten längt verloren gegangen ist. Dort haben die unterbezahlten Arbeitskräfte – zurecht – jede Verbindung zu den Waren verloren, die sie verkaufen, während die Kommunikation mit den Kunden sich meistens beschränkt auf den Bezahlvorgang an der Kasse.

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Alles Obst und Gemüse stammt aus der Region. Die Produzenten sind stolz auf ihre Erzeugnisse

Übrigens, die Betreiber vieler großer Supermarktketten halten nichts von dieser Art des sozialen Direktverkaufs. Sie boykottieren die Märkte, mitunter auch mit Hilfe der Polizei. Die eigene Preispolitik zu überdenken scheint dabei nicht Frage zu kommen, um die Kunden in den Länden zu halten. Lidl, als Discountsupermarkt, hat die Preise im Verlauf der Krise sogar noch einmal deutlich nach oben geschraubt. Ich für meinen Teil verzichte gern auf Rabattkarten oder kerzengerade Salatgurken für einen Euro und gehe am Sonntag auf den Markt, trainiere mein Griechisch mit Verkäufern, die tatsächlich wissen, was sie mir da in die Tüte packen und gehe mit fast allem nach Hause, was ich für die nächste Woche brauche.

 

 

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Griechen zahlen von allen Europäern am meisten für Grundnahrungsmittel

 © www.thepressproject.net

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Im gesamteuropäischen Durchschnitt geben Griechen, die vom Mindestlohn leben, den höchsten Anteil ihres Monatslohns für Lebensmittel aus. In Relation zum monatlichen Einkommen ist der Preis für Grundnahrungsmittel ungefähr dreimal so hoch wie in anderen europäischen Ländern.

Wie die griechische Zeitung „Ta Nea“ (Die Nachrichten) berichtet, hat der Zusammenbruch des Prokopfeinkommens in Griechenland (durchschnittlich ca. 30%), in Verbindung mit den relativ hohen Preisen für Grundnahrungsmittel, die europaweit größten Auswirkungen auf das Budgets der Haushalte, wenn es zum wöchentlichen Einkauf im Supermarkt kommt – selbst im Vergleich mit den traditionell ‚teuren’ Ländern.

Portugal vs. Niederlande

Vergleicht man den durchschnittlichen Preis von 20 Grundnahrungsmitteln in den Regalen der Supermärkte (z.B. Eier, Reis, Brot, Milch, Olivenöl, usw.) in Griechenland, Portugal, Holland und Luxemburg (in Berufung auf Daten eines Berichtes der Europäischen Kommission zur Ermittlung von Preisunterschieden von November 2013), müssen die Griechen im Vergleich zum monatlichen Einkommen am tiefsten in die Tasche greifen.

Der Warenkorb für die 20 Grundnahrungsmittel kostet in Griechenland 63,40 Euro, während der Mindestlohn nur 586 Euro im Monat beträgt. Somit gibt ein Grieche, der den Mindestlohn bezieht, 10,81% seines monatlichen Einkommens für Grundnahrungsmittel aus.

Zum Vergleich: in den Niederlanden beträgt der monatliche Mindestlohn 1.478 Euro, während dieselben 20 Lebensmittel mit 50,30 Euro, bzw. 3,4% des monatlichen Einkommens zu Buche schlagen. Somit gibt ein Grieche, der den derzeitigen Mindestlohn bezieht, ca. 3x soviel für Grundnahrungsmittel aus, wie ein Niederländer.

In Luxemburg sind Grundnahrungsmittel teurer. Dort zahlt man für denselben Warenkorb 70,53 Euro. Jedoch beläuft sich das monatliche Mindesteinkommen auf 1.874 Euro, womit der Preis für den wöchentlichen Einkauf von Grundnahrungsmitteln nur 3,7% des Einkommens entspricht.

Am besten vergleichbar ist die Situation in Griechenland mit der in Portugal, einem weiteren „Krisenland“ mit einem strikten Sparkurs. Dort ist der Mindestlohn mit 485 Euro sogar geringer als in Griechenland. Jedoch kostet dort auch der Warenkorb mit 46,48 Euro weniger, also etwa 9,58% des monatlichen Mindesteinkommens.

Artikel übersetzt aus dem Englischen von der Seite: www.pressproject.net. Im Original erschienen unter folgendem Link:
http://www.thepressproject.net/article/56086/Real-cost-of-basic-goods-is-highest-in-Greece-among-European-countries

 

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