Dokumentarfilmfestival Thessaloniki – Die Rettung der Information

#tdf17

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Am vergangenen Wochenende ging das 17. Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki zu Ende. Das Publikum hat die britische Produktion „Virunga“ zum besten Film gekürt, einen höchste sehenswerten Film, der bereits für den Oskar nominiert war. Doch noch etwas hat das Festival (erneut) bewiesen: Wer die Welt verstehen will, sieht Dokumentarfilme.

Das Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki gehört zu den wichtigsten Ereignissen der Branche. Regisseure aus ganz Europa waren vor Ort, um ihre Filme zu zeigen, neue Produktionen von –teilweise neuen – Kollegen zu sehen und sich auszutauschen. Die Krise zog sich dabei leitmotivisch – mitunter etwas redundant – durch die Auswahl. Trotzdem gelang es vielen Produktionen, dringend benötigtes Wissen zu vermitteln und  – noch wichtiger – thematische Verbindungen zu knüpfen.

Immer nur Griechenland?

Ja, die Krise. Allgemein als Finanzkrise missverstanden, wird immer deutlicher, dass es sich um eine demokratische und – allem voran – eine kulturelle Krise handelt. Eben dies spiegelt sich in mitunter erschüttender Art und Weise auch in den Leitmedien wider. Gerade in Deutschland haben sich Fernsehen, Zeitungen und Nachrichtenportale fest eingefahren auf Griechenland: das schwarze Schaf, gierig und undankbar. Jenes Land, das mit seiner bisher unübertroffenen Staatsschuld jetzt auch noch eine (in den Worten des bayrischen Heimatministers (!) Söder zu sprechen kommunistische) Regierung wählt,  die die Unverschämtheit besitzt, soziale Hilfsprogramme mit Steuergeldern zu finanzieren.

Auch die griechischen Medien hatten, besonders unter der Samaras-Regierung den Sparkurs der Troika kritiklos unterstützt. „Alternative“ Medien, eine Bezeichnung, die der demokratischen Notwendigkeit eines kritischen Journalismus eine leicht naiv-ideologische Note verleiht, sind in Griechenland (finanziell) entmachtet und in die Ecke gedrängt. Somit gab es auf dem diesjährigen Festival auch die Tendenz, sich kritisch mit der medialen Situation auseinanderzusetzen.

So geschehen ist es beispielsweise in Oppression, dem Diplomfilm der beiden jungen Regisseure Myrto Symeonidou und Nikos Panierakis. „Journalism exists, because governments lie,“ war das Eingangszitat. Dass dies in Griechenland, zumindest in den Leitmedien, auf eine klaffende Lücke verweist, war Thema der nächsten 45 Minuten. Neben einer deutlichen Zensur gegenüber unbequemen Journalisten, die entweder ihre Arbeit ganz verloren haben oder vom Sender in machtlose Positionen degradiert wurden, kam auch die Selbstzensur zur Sprache.

Selbstzensur oder Zwangsentlassung

Die großen Gefahren liegen in den meisten Fällen nämlich nicht in der direkten Zensur, die in Hellas ja vor allem durch die Schließung des staatlichen Senders ERT ihren Höhepunkt fand, sondern in der unausgesprochenen Abmachung zwischen Journalist und Arbeitgeber, über gewisse Themen nicht oder konform zu berichten . Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen das Gros der Journalisten ihre Arbeit verloren hat oder zum Billiglohntarif arbeiten, sitzt die Angst vor der Entlassung tief.

Daher werden unbequeme Themen oder abweichende Meinungen schlichtweg vermieden. Kritische Auseinandersetzungen, das also, was der eigentliche Kern der journalistischen Arbeit ist, fallen den kommerziellen Interessen der Wirtschaftselite zum Opfer. Einer Elite, die in der Regel nicht nur einen starken Einfluss auf Medien ausübt (durch Werbung, beispielsweise), sondern sie faktisch besitzt. Dabei aber zeigt der Film auch, dass sich gerade durch die Krise eine journalistische Bewegung entwickelt hat, die, isoliert von den Leitmedien, auf der Suche nach Wahrheiten ist. „Die Krise hat auch die Antikörper gebildet,“ sagt der Journalist Aris Chatzistefanou in die Kamera. Er selbst war aufgrund kritischer Ansätze vom mächtigen Privatsender SKAI auf die Straße gesetzt worden.

Chatzistefanou war überdies selbst mit einem Film vertreten. Fascism INC. gehörte zu den beliebtesten griechischen Beiträgen in diesem Jahr. Dabei untersucht der Regisseur, inwiefern Faschismus, auch bei den Nationalsozialisten, Mittel zum Zweck ist, um das Großkapital zu schützen. Die Produktion, die über Corwdfunding finanziert wurde, mit den Worten des Regisseurs „den Menschen gehört,“ und daher frei im Internet verfügbar ist, zeigt eine Weiterentwicklung der vielen, oft plakativen, Anti-Troika Positionen. Chatzistefanou verweist vor allem auf die Marionettenfunktion, die den Regierungen von den wirtschaftlichen Eliten zugewiesen wird.

Re(e)derei-Journalismus

Dabei zeigt er auch auf die griechischen Medien, die, seit der Schließung von ERT, vom Privatsektor dominiert werden und fest in den Händen der griechischen Reeder sind. Diese wiederum halten den Großteil des griechischen Kapitals und zahlen nahezu keine Steuern (Beispiel: Die jährlichen Steuern, die von Menschen mit Behinderungen entrichtet werden, belaufen sich auf 82 Millionen Euro, Reeder zahlen ganze 80 Millionen).

Für die Reeder besteht folglich kein Interesse daran, das Land demokratischer zu gestalten, geschweige denn die Rechte der arbeitenden Menschen zu wahren. Dabei lag die Stärke des Films jedoch nicht so sehr in seinem informativen Gehalt, sondern in seiner bestechend simplen Aussage: „Kapitalismus ohne Faschismus ist möglich, Faschismus ohne Kapitalismus nicht,“ eine Quintessenz, die Aris Chatzistefanou vor einem Publik noch einmal deutlich wiederholte, das den Regisseuren in einem der längsten Diskussionen auf dem Festival mit Lob überschüttete.

Ein Festival, das Lücken schließt

Der große Wert des Festivals in Thessaloniki aber liegt nicht in den einzelnen Beiträgen. Viel wichtiger ist zum einen, dass Menschen sich die Dokumentarfilme gemeinsam ansehen und sich auseinandersetzen. Sie erfahren den Unterschied zwischen den kommerziellen Leitmedien, denen sie täglich ausgesetzt sind, und unabhängig recherchierten Filmen, die bei den täglichen trivialen Darstellungen der Realität, an ihre natürliche Komplexität erinnern.

Und während Deutschland sich über Varoufakis Stinkefinger echauffiert und Griechenland medial eingekesselt völlig zu vergessen scheint, dass die Krise kein Phänomen made in Hellas ist, gibt das Festival die Möglichkeit informativ aufzuatmen.

Da erinnert die Norwegerin Åse Svenheim Drivenes mit ihrem Film I am Kuba an das Schicksal der vielen tausend Euro-Waisen in Polen, Kinder, die von ihren Eltern zurückgelassen werden, um in reicheren Teilen Europas in Fabriken zu arbeiten oder Hotels zu putzen (man schätzt die Zahlen in ganz Osteuropa auf ca. 2 Millionen, wobei keine offiziellen Zahlen bestehen und Krisenländer wie Spanien, Portugal oder auch Griechenland noch unbeachtet bleiben). Im selben Screening dann wird man in der Dokumenation Storm Makers mit der Realität von Mädchen in Kambodscha konfrontiert, deren Eltern sie, getrieben von Armut, in die Sklaverei verkaufen.

Das Festival ist am stärksten in eben diesen Momenten, in denen scheinbar unterschiedliche Situationen gegenübergestellt und verbunden werden. Auch aus diesem Grund hat das Publikum den Film „Varounga“ mit dem Audience Award ausgezeichnet. Wirtschaftskorruption, Postkolonialismus, Krieg und skrupelloser Raubbau an der Natur werden zu einem erhellenden und gleichzeitig erschütternden Dokument zusammengefügt. Neben den Fakten erinnert der Film dabei auch an eines: Die Macht eines kritischen und mutigen Journalismus.

Dieser Beitrag ist erstmalig erschienen in der Berliner Gazette.

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