Erinnern ist eine Frage des Ortes

Vor kurzem ging das 16. Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki zu Ende, eines der weltweit renommiertesten Festivals für dieses Genre. Ausgezeichnet mit dem Preis der internationalen Filmkritikervereinigung wurde der Film „Kalávryta,“ der sich mit den Massakern der Wehrmacht an der griechischen Zivilbevölkerung auseinandersetzt. Deutlich wird: Die Verantwortung Deutschlands für seine Vergangenheit kennt kein Ende.

Die ausgezeichneten Regisseure nach der Abschlussveranstaltung

Keine Ahnung, wie viele Filme, Dokumentationen, Bücher oder Fotos ich mir schon zu Gemüte geführt habe, in denen Nationalsozialisten bzw. die deutsche Wehrmacht Massaker verüben. In den meisten Fällen stellt das Material die grausamen Morde an Juden sowie der polnischen und russischen Zivilbevölkerung dar. Schwarzweiß oder (nachbearbeitet) in Farbe treiben Hitlers Helfer unschuldige Menschen zusammen und schlachten sie ab wie Vieh. Die Bilder lösen die immer gleiche Unfassbarkeit aus. Die mediale Flut des Grauens geht einher mit der automatisierten Scham vor den Verbrechen der Nazis. Mitgefühl für die unzählbaren Opfer wird zu einer Leistung des Gedächtnisses, die aus der Gewohnheit des Unsagbaren heraus genauso gut abrufbar, wie verdrängbar geworden ist.

Auf dem diesjährigen Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki, der Stadt, in der ich seit fast vier Monaten wohne, hatte ich ein Aha-Erlebnis. Nach zwei Filmen am Vormittag ging ich zum Screening von „Kalávryta – Menschen und Schatten,“ eine Dokumentation über die Verbrechen der Wehrmacht auf der griechischen Halbinsel Peloponnes. Unter der reichhaltigen Auswahl an Filmen schien mir dieser geradezu wie eine kulturelle Selbstverständlichkeit, eine Pflichtveranstaltung für mich als Deutschen, eine Situation, in der ich mein historisches Bewusstsein zur Schau stellen und Verantwortung übernehmen konnte. Als der Film anfing, merkte ich, dass irgendetwas anders war als sonst. All die Routine, die ich mir über die Jahre angeeignet hatte, die Abgeklärtheit gegenüber dem Grauen, alles weg. Warum hatte das Unbehagen mich eingeholt? Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich war ziemlich sicher der einzige Deutsche im Publikum. Und genau das machte alles anders. In der Schule, in der Uni oder verkatert am Sonntag mit Guido Knopp im Vorabendprogramm: Immer waren andere Deutsche um mich herum, so dass der Schrecken der Bilder, die wir alle schon hundertmal gesehen hatten, an einem Schutzschild abprallte, von dem ich annahm, dass es mein Stück des kollektiven Gewissens war.

Elias Yannakakis erinnert in seiner Dankesrede an die Situation mit Deutschland und die Probleme mit Faschismus in Griechenland.

Elias Yannakakis erinnert in seiner Dankesrede an die Situation mit Deutschland und die Probleme mit Faschismus in Griechenland.

Regisseur Elias Yannakakis macht gleich zu Beginn des Films klar, wie wenig das Trauma in Griechenland aufgearbeitet worden war. Sein Anliegen formuliert er damit, die Bilder der um ihre Männer und Söhne trauernden Witwen, die es als einziges Überbleibsel in das historische Gedächtnis des Landes gebracht haben, mit Namen und Geschichten zu behaften, um sie so von der Scham der Anonymität zu befreien. Yannakakis geht präzise vor in der Aufarbeitung des Verbrechens. Er lässt alle Massaker in der Umgebung von Kalávryta, die unter gleichnamigen Befehl von der deutschen Wehrmacht verübt worden waren, haargenau von denen erzählen, die sie er- und überlebt haben. Immer wieder, aus allen Perspektiven. Er reist der Spur der Zerstörung von Dorf zu Dorf nach, hinterfragt die Verantwortung der griechischen Partisanen an den Geschehnissen und räumt auch den Arbeiten des deutschen Journalisten Eberhard Rondholz, der sich bereits in den 80er Jahren intensiv mit dem Thema beschäftigt hatte, viel Raum ein, lässt ihn – in fließendem Griechisch – zu Wort kommen und mit den Überlebenden reden.

Wie routiniert ich in Deutschland mit dem Thema umgehe fällt mir auf, als ich die vielen schockierten Gesichter um mich herum sehe. Menschen weinen oder starren fassungslos auf die Leinwand. Beinahe naiv erscheinen mir die Reaktionen angesichts meiner arroganten Abgeklärtheit. Und es ergreift mich die Scham. Nicht etwa, weil ich mich schuldig fühle für die Verbrechen, die die Wehrmacht verübt hat, auch nicht, weil mein Großvater als Soldat in Griechenland stationiert war, sondern vor dem Hier und Jetzt. Scham davor, dass der Präsident der Bundesrepublik Deutschland sich nach den vielen Jahrzehnten des Schweigens zwar für die Gräueltaten entschuldigt hat, die Bundesregierung den Rechtsweg (!) für Reparationszahlungen oder die Rückzahlung der von den Nazis erzwungenen Kredite jedoch kategorisch ausschließt. Genug ist genug, sagt man in der BRD, irgendwann muss auch mal Schluss sein. Was aus Deutschland heraus so leicht über die Lippen geht, wird den ungesühnten Verbrechen in Griechenland dabei nicht gerecht. Erst recht nicht vor dem Hintergrund der Europäischen Union, jenem Staatenbund, der Frieden und Wohlstand für alle auf dem Kontinent versprach.

Die Münchenerin Anna Brass präsentierte ihren Film „Leaving Greece“ in Thessaloniki.

Die Münchenerin Anna Brass präsentierte ihren Film „Leaving Greece“ in Thessaloniki.

Europa ist die große Chance für uns Deutsche, nicht etwa unsere Schuld zu begleichen, denn die meisten von uns gehören zur Nachkriegsgeneration, sondern Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen. So wie die Münchener Regisseurin Anna Brass, die für ihren Film „Leaving Greece“ nach Patras und Lesbos reist um das Schicksal von minderjährigen Afghanen zu porträtieren, die in der Überforderung der griechischen Behörden, sowie der verheerenden europäischen Flüchtlingspolitik, einfach vergessen werden – Jugendliche, die festsitzen im Diesseits der europäischen Grenzen. Anna Brass ist eine Deutsche, die ihre eigenen Erfahrungen gemacht hat mit der „Goldenen Morgenröte,“ jener faschistischen Parlamentspartei, die Teile Athens unter ihrer Kontrolle hat. Und sie ist eine Europäerin, die sich auf dem Filmfestival in Thessaloniki der Kritik des Publikums stellt und bereit ist zu einem Dialog, der in Europa so dringend benötigt wird.

Das Bild der Deutschen in Griechenland hat stark gelitten und nicht immer wird es uns gerecht. Doch mache ich täglich die Erfahrung, dass die Menschen sehr wohl unterscheiden können zwischen der Krisenpolitik der Bundesregierung und dem Deutschen, den sie auf der Straße treffen. Man will vor allem kommunizieren, sich austauschen über die Situation. Die meisten hier sind sich darüber im Klaren, dass Griechenland kein Unschuldslamm ist – die meisten jener Mitte 20-Jährigen, die lieber in ihrer Heimat arbeiten würden, als im Zugzwang der Krise zu fliehen. Eine Generation, die sich nichts zu Schulden hat kommen lassen, bzw. nicht einmal die Chance dazu hatte, steht unerfahren und ohnmächtig vor dem komplizierten Wirrwarr europäischer Entscheidungen, nationalstaatlich orientierter Interessen, einer unter dem Deckmantel der Brüderlichkeit verborgenen Indifferenz hinsichtlich ihrer katastrophalen Situation und dem Vergessen davor, was Menschen wie Willy Brandt und Jean Monnet dazu bewegt hat, ein vereintes Europa zu den Hauptanliegen der Nationalstaaten zu machen.

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Erinnern ist eine Frage des Ortes

  1. Efstratia Dawood sagt:

    Sehr geehrter Herr Schmitz,”Kalawrita” hat eine erschütternde Geschichte und das Leid der Überlebenden des Massakers ist unbeschreiblich groß. Ich war im Festival und habe den Film auch gesehen. -Einen bitteren Beigeschmack hat jedoch dieser Film mit der Frage ob die Widerstandsbewegung eine Schuld mittrug. Wie kann man bei soviel Unmenschlichkeit noch so eine Frage stellen! Die Brutalität der Deutschen Wehrmacht kann mann nicht begründen und schon gar nicht mit so eine Frage relativieren oder entschuldigen.
    Diese Fragestellung bei so eine Grausamkeit ist ein Schlag ins Gesicht der gesamten Opfer Griechenlands während der Okkupationszeit.

    • EUdysseus sagt:

      Sehr geehrte Frau Dawood,

      ich hatte nicht den Eindruck, dass der Film die Intention hatte, die Verbrechen der Wehrmacht durch die Frage nach einer Mitschuld der Widerstandsbewegung zu relativieren. Auch hatte ich nicht den Eindruck, dass es um eine Mitschuld ging, sondern eher um eine Verkettung von Ereignissen, die in ihrer Sinnlosigkeit und Grausamkeit in den Verbrechen der Wehrmacht sicherlich ihren entsetzlichen Höhepunkt fanden. Ich denke vor allem, dass dem Regisseuren daran gelegen war, alle Seiten der Umstände zu beleuchten, die zu dem Massaker geführt haben und somit auch die Meinung der Dorfbewohner und der Historiker einzubeziehen. Kein Verhalten rechtfertigt die Verbrechen, die von den Deutsche begangen wurden, und ich hatte auch nicht den Eindruck, dass Yannakakis dies im Sinn hatte.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>