Schöner einkaufen in der Krise – Direktverkauf versus Supermarkt

In den großen Markthallen am Aristoteles Platz in Thessaloniki kann man ALLES kaufen, was man braucht.

In den großen Markthallen am Aristoteles Platz in Thessaloniki kann man ALLES kaufen, was man braucht.

Nachdem der letzte Post von einem jener vielen Probleme berichtet hat, die den Griechen in der Krise das Leben schwer machen, bin ich inzwischen auch auf Lösungsansätze gestoßen. Zur Erinnerung: Gemessen am Mindesteinkommen sind die Preise für Lebensmittel und andere essentielle Gebrauchsgüter in Griechenland höher als in jedem anderen Land in der EU. Bei den Beträgen, die hier an den Supermarktkassen über die Theke wandern, fragt man sich, wie die vielen Menschen, die für einen Mindestlohn von 2,50 Euro (!!!) arbeiten bzw. ganz ohne Einkommen dastehen, satt werden.

Die Antwort: Große Supermärkte wie Masoutis, Carrefour oder Lidl schlichtweg vermeiden und dafür die guten, alten Märkte unterstützen. Wie auch in Deutschland gibt es in Griechenland Wochenmärkte, bzw. Volksmärkte (λαϊκή αγορά), sowie einen ganzen Haufen Markthallen. Dort wird alles feilgeboten, was man zum Leben braucht. Die Preise unterscheiden sich drastisch von denen in den Supermärkten – was in Deutschland wohlgemerkt auch der Fall ist (einfach mal im Kaisers oder Real eine Paprika kaufen, dann eine auf dem Markt und mal sehen, welche preiswerter ist).

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Orangen zur Hälfte des üblichen Supermarktpreises.

Der Grund, dass die Waren in den Supermärkten teurer sind liegt natürlich nicht nur an der oftmals dubiosen und undurchsichtigen Preispolitik der Betreiber, sondern auch an den Kosten, die ein großer Laden mit sich bringt, sowie den langen Wegen, die die Waren zurücklegen müssen. Das Gros wird importiert, industriell verarbeitet, verschifft, geht über Zwischen- und Großhändler, sprich, bis die Ware beim Endverbraucher ankommt, hat sie bereits mehrere Stationen durchlaufen, die sich im Endpreis bemerkbar machen.

Wer sich auch nur annähernd mit dem völlig inflationär benutzten Begriff der Nachhaltigkeit beschäftigt, weiß indes, dass es aus diesen Gründen besser ist, möglichst auf Waren aus der Region zurückzugreifen. Und das nicht nur, um die Umwelt zu schonen, sondern auch, weil ein Bauer in Spanien oder ein Käseproduzent in Griechenland kaum etwas verdient, wenn seine Produkte in deutschen Alditüten landen.

In Thessaloniki haben die Universität sowie diverse Initiativen jetzt neue Märkte gegründet. Sie unterscheiden sich von den üblichen Wochenmärkten, die ihre Produkte in der Regel auf dem Großmarkt erstehen, darin, dass die Waren direkt von den Produzenten verkauft werden. Das sieht dann so aus, dass am Sonntag der Lieferwagen zum mobilen Geschäft wird und Gemüse, Obst, Oliven, Käse, Öl – alles eben, was die Umgebung so hergibt – an den Mann gebracht werden. Die Qualität ist gut, die Preise günstig. Beispiel: Für ein Kilo Orangen zahlt man in einem Supermarkt fast einen Euro, auf besagtem Markt weniger als die Hälfte. Und: der Umsatz geht zu 100% an die Person, die sie mit viel Arbeit und auf eigene Kosten angebaut hat.

 

Der Kunde kauft direkt beim Produzenten. Dieser hat zum Schluss mehr in der Tasche, während der Kunde weniger zahlt. “Absurd!” sagen die großen Supermarktketten.

Abgesehen davon, dass die Waren erheblich günstiger sind, ist auch die Atmosphäre wesentlich angenehmer. In der Regel kommt es zu Gesprächen mit den Verkäufern, ein Extraapfel wandert in die Tasche und man unterhält sich über die Situation, über das Leben und natürlich über die Ware. Lebensmittelkaufen wird zu einem sozialen Akt, von dem beide Seiten profitieren und der in Zeiten von Riesensupermärkten längt verloren gegangen ist. Dort haben die unterbezahlten Arbeitskräfte – zurecht – jede Verbindung zu den Waren verloren, die sie verkaufen, während die Kommunikation mit den Kunden sich meistens beschränkt auf den Bezahlvorgang an der Kasse.

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Alles Obst und Gemüse stammt aus der Region. Die Produzenten sind stolz auf ihre Erzeugnisse

Übrigens, die Betreiber vieler großer Supermarktketten halten nichts von dieser Art des sozialen Direktverkaufs. Sie boykottieren die Märkte, mitunter auch mit Hilfe der Polizei. Die eigene Preispolitik zu überdenken scheint dabei nicht Frage zu kommen, um die Kunden in den Länden zu halten. Lidl, als Discountsupermarkt, hat die Preise im Verlauf der Krise sogar noch einmal deutlich nach oben geschraubt. Ich für meinen Teil verzichte gern auf Rabattkarten oder kerzengerade Salatgurken für einen Euro und gehe am Sonntag auf den Markt, trainiere mein Griechisch mit Verkäufern, die tatsächlich wissen, was sie mir da in die Tüte packen und gehe mit fast allem nach Hause, was ich für die nächste Woche brauche.

 

 

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