Der Dichter und der Winzer – Die Geschichte zweier Bürgermeister

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© www.protothema.gr

Not macht bekanntlich erfinderisch. Dass dies nicht einfach leere Worte sind haben der alte und der neue Bürgermeister von Thessaloniki unter Beweis gestellt – jeder auf seine Art. Während der eine im Gefängnis seine künstlerische Ader entdeckt, macht sich der andere auf die Suche nach neuen politischen Wegen.

Bereits seit 2011 hat Griechenlands zweitgrößte Stadt einen neuen Bürgermeister. Giannis Boutaris konnte die Wahl für sich gewinnen, nachdem bekannt wurde, dass sein Vorgänger, Vasilis Papageorgopoulos, im Verdacht stand, von der Veruntreuung von Steuergeldern in Höhe von 51,4 Millionen Euro gewusst zu haben. Nach Ansicht des Gerichts konnten Veruntreuungsfälle in Höhe von 18 Millionen Euro nachgewiesen werden, über die das ehemalige Stadtoberhaupt informiert war. Er wurde schuldig gesprochen und verbüßt seit 2013 eine lebenslange Haftstrafe. Weiterhin ungeklärt ist der Verbleib der übrigen knapp 34 Millionen Euro.

Politische Literatur aus dem Knast

Seit März 2013 sitzt Papageorgopoulos im Gefängnis, bekräftigt seine Unschuld und arbeitet an der Rettung seines Rufs. Dabei bedient er sich modernster Kommunikationsmethoden: Der ehemalige Sportler, Arzt und Politiker ist unter die Blogger gegangen. Seine Einträge sind Versuche, die politischen Geschicke des Landes auch aus seiner misslichen Position heraus weiter zu beeinflussen und sich als Märtyrer zu stilisieren. Dabei scheint er zu seiner wahren Berufung gefunden zu haben: der Dichtkunst! Sein Stil ist geprägt von Leidenschaft und einem beinahe bewundernswerten Maß an Selbstmitleid.

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In einem seiner Einträge beklagt er, dass sich zehn Insassen eine 20qm große Zelle teilen müssten und man keine schöne Aussicht aus dem Fenster habe. Das verwundert, denn immerhin sollte er als ehemaliger Bürgermeister genaue Kenntnisse darüber besitzen, wie es um den Strafvollzug in seinem Verwaltungsbezirk steht. Literaturnobelpreisverdächtig ebenfalls seine Zugmetapher, mit der er den Ruf nach Gerechtigkeit auch aus der Außenwelt erschallen lässt: „Ich höre den Zug vorbeifahren. Er pfeift! (…) Er grüßt mich! Er macht mir Mut. Er sagt, dass die Ungerechtigkeit offensichtlich ist.“ Das ganze Meisterwerk liegt ERSTMALIG in deutscher Übersetzung vor und ist unter diesem Link in voller Länge zu genießen.

Ein Winzer im Rathaus

Ganz anders, dabei aber nicht weniger kreativ ist sein Nachfolger. Giannis Boutaris Geburtsjahr 1942, von Haus aus Winzer, tätowiert und Ex-Alkoholiker fährt einen gänzlich eigenen Führungsstil. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger bringt er beispielsweise Einnahmen und Ausgaben des städtischen Haushalts in ein ausgewogenes Verhältnis, spart im öffentlichen Sektor (ohne dabei deswegen Stellen zu streichen) oder geht offene Konflikte mit der übermächtigen Kirche und den Nationalisten ein. Ein Bürgermeister, der sich auf Manga-Conventions mit blonder Perücke ablichten lässt und einen passablen Andy Warhol abgibt, ein Stadtoberhaupt, dem der Metropolit der orthodoxen Kirche den Segen verweigert, ein Politiker, der im konservativen Thessaloniki einen Gaypride stattfinden lässt: Als Neuling auf dem Gebiet der politischen Verwaltung bricht Boutaris auch mit Konventionen, die für die derzeitige Situation des Landes mitverantwortlich sind.

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Ein weiteres Novum ist Boutaris Annäherung an die Türkei. Im Gegensatz zu Athen ist Thessaloniki geprägt von byzantinischer Kultur, war nach dem heutigen Istanbul die wichtigste Metropole dieser Epoche, stand bis 1912 (!) unter osmanischer Herrschaft und ist überdies die Geburtsstadt von Kemal Atatürk, dem Staatsgründer der heutigen Türkei. Boutaris sieht darin vor allem die Möglichkeit, Thessaloniki interessanter für türkische Touristen zu machen. Als Bürgermeister setzte er sich daher nicht nur für eine lang überfällige direkte Flugverbindung zwischen Thessaloniki und Istanbul ein. Ebenfalls scheute er keinen Streit hinsichtlich seines Vorschlags, die Straße, an der Atatürks Geburtshaus steht, nach diesem zu benennen. Heikel ist das vor allem, da selbige schon dem Heiligen Dimitrios gewidmet ist, dem Schutzpatron der Stadt. Gewonnen ist die Schlacht noch nicht, doch werden nun Debatten über zeitgemäße griechisch-türkische Beziehungen geführt.

Keine Demokratie ohne Eigeninitiative

In einer Zeit, in der viele Reformen in Griechenland vor allem an den alten und korrupten Machtstrukturen scheitern, gelingt Boutaris es, mit eben diesen zu brechen. Gleichzeitig fährt er einen transparenteren Führungsstil, in dem Wirtschaftlichkeit eine zentrale Rolle spielt. Und wenn er die Bürger dazu einlädt, an der neu hergerichteten Strandpromenade Paraleia gemeinsam „über die Krise zu weinen,“ so ist dieses Angebot auch als Appell zu werten. Denn, auf der einen Seite schafft er in einer Stadt, in welcher der öffentliche Raum fast flächendeckend vom Konsum geprägt ist, einen kommerzfreien Ort, an dem man unabhängig vom Geld am öffentlichen Leben teilnehmen kann, fordert auf der anderen Seite aber eine Gegenleistung: Er erinnert die Menschen daran, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, sich mit dem Status quo auseinanderzusetzen und trotz aller Schwierigkeiten aktiv zu werden.

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Giannis Boutaris ist Geschäftsmann und dies spiegelt sich auch in seinem politischen Stil wider. Er bricht Tabus, er denkt pragmatisch und fordert selbstverantwortliches Handeln. Nicht all seine Projekte sind von Erfolg gekrönt und sicherlich sind im Zuge seines Kampfes gegen Korruption und Günstlingswirtschaft noch viele Rückschläge zu erwarten. Dennoch gehört er zu den wenigen Politikern in Griechenland, die diese Probleme offen thematisieren. Er provoziert seine Umwelt, scheut keine Konflikte und trifft dabei den Kern dessen, was all jene Griechen bewegt, die als Kollateralschaden der Krise und der durch die Troika oktroyierten Politik vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Dabei bleibt er selbst vor allem Verwalter. Ihm geht es um strukturelle Veränderungen, die Wege aus der Krise möglich machen. Sein provokanter Führungsstil fungiert dabei vor allem als Vorbild für den Einzelnen. Denn ohne den bewussten Bruch mit Gewohnheiten und der Bereitschaft zu mehr Eigeninitiative wird sich das Land nicht erholen.

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