Tuut-Tuuuuut – Ein Zug verlangt Gerechtigkeit

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Dies ist ein Blogeintrag von Vasilis Papageorgopoulos, dem ehemaligen Bürgermeister von Thessaloniki. Leider muss er eine lebenslange Haftstrafe absitzen, weil er von der Veruntreuung von Steuergeldern durch zwei seiner engsten Mitarbeiter wusste. Die Anklage lautete auf €51,4 Millionen, wovon allerdings nur €18 Millionen nachgewiesen werden konnten. Jetzt sitzt er im Knast und beklagt sein Leid in Form eines Blogs. Dieser Eintrag hier hat mir besonders gefallen. Der ehemalige Sportler, Mediziner und Politiker entdeckt jetzt auch seine Fertigkeiten im Bereich des literarischen Schreibens. Ein wahres Multitalent! Offensichtlich benötigt er noch etwas Übung. Viele Griechen, die den Text gelesen haben, waren ein wenig überfordert mit seinem Stil. Ich habe sein Werk übersetzt und mich bemüht, ihn auch für die deutschsprachigen Leser fühlbar zu machen. Für Verbesserungsvorschläge in punkto Übersetzung oder Rezensionen, einfach eine Email an kontakt@eudyssee.net.

 

Mittwoch 13/03/2013

Bereits seit zwei Wochen bin ich im Gefängnis.

Wahrheit? Lügen? Aus welchem Grund bin ich hier?

Jedenfalls nicht wegen Veruntreuung. Damit habe ich nichts zu tun. Als Bürgermeister habe ich, in dem Moment als ich von alldem erfuhr, sofort so gehandelt, wie das Gesetz es von mir verlangt!

Meine Zelle misst 20qm und beherbergt 10 Insassen. 10 Betten, 5 Schrankfächer, 2 Tische, 4 Hocker, 1 kleiner Kühlschrank, 30 Taschen. Die Fenster sind zu weit oben. Ich kann den Himmel nicht sehen. Eine einzige Toilette für zehn Menschen. Nur durch das Klofenster kann ich nach draußen blicken und ich sehe die ESSO Raffinerie. Das Auge entspannt sich.

Glücklicherweise ist jeder höflich und hilfsbereit.

Man schaut mit Respekt auf mich. Man fragt mich, ob ich etwas brauche.

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Es ist fast fünf Uhr morgens und der Zug fährt vorbei.

Ich frage mich: Warum pfeift er, wenn er am Gefängnis vorbeifährt. Will er uns aufwecken? Wir schlafen doch nicht. Ob er uns grüßt? Vielleicht….

Das also ist meine Belohnung! Nie im Leben wäre es mir in den Sinn gekommen, auch nur einen einzigen Euro zu verschwenden.

Daran gibt es nichts zu zweifeln.

Das folgende sage ich nicht ganz ohne Humor: „Ich bin einer der wenigen aus Thessaloniki, die keine Ferienwohnung in Chalkidiki haben. Musiktavernen, Kasinos, ein ausschweifender Lebensstil, Villen auf Mykonos oder Santorini, Ferien in der Karibik oder auf den Malediven: All dies war mir fremd. Von morgens bis abends habe ich gearbeitet. Eine Beschäftigungstherapie. Vielleicht ist mir das von meiner Sportlerkarriere geblieben.“

Das war der Lohn für alles, was ich für meine Stadt Thessaloniki und mein Land getan habe.

Als Sportminister habe ich den Menschen in Thessaloniki 14 Turnhallen, das Schwimmbad von Neapoli, das Haus der Gymnastik in Mikra, Fußballplätze in Mikra und Kordelio, eine Tartanbahn in Kalamaria und Neapoli, die Renovierung des Kaftzogleio-Stadion, das ARIS-Stadion,  das PAOK-Stadion, das Heraklies-Stadion, das Apollonas-Kalamaria-Stadion, den PAOK-Palast und vieles mehr hinterlassen.

Finanziell alles einwandfrei.

Meine Belohnung: Applaus!

In meiner 12-jährigen Amtszeit als Bürgermeister habe ich den Menschen in Thessaloniki 12 Gebäude geschenkt, um nicht mit Mieten in Höhe von 2.000.000 Euro pro Jahr belastet zu werden (das Sozialverwaltungsgebäude, das Hauptquartier der Stadtpolizei, das Sportgebäude, das Kulturzentrum in Tumba, etc.)

Und das Schwimmbad und die Maschinenfabrik!

Das neue Rathaus und die Strandpromenade!

Die Instandsetzung aller Hauptstraßen.

50.000 neue Bäume.

65 Müllwagen. Und so viel mehr …

Finanziell alles einwandfrei!

Meine Belohnung: Applaus.

Doch plötzlich bin ich ein Gefangener.

Unerträglich! Nur ein Tag, oder das ganze Leben: Für mich macht das keinen Unterschied.

Das einzige, was mir wichtig war und bis heute bleibt ist mein Ruf. Und so werde ich bis zum Ende dafür kämpfen, die ganze Wahrheit ans Licht zu bringen.

Wenn ich an all dies denke, wandert mein Geist 15 Tage zurück in der Vergangenheit.

Der vorsitzende Richter verliest das Urteil.

Bereits vor dem Ende der ersten Seite hatte ich VERSTANDEN!

Mein Gott, warum diese Ungerechtigkeit?

Welchem Zweck dient mein moralischer, sozialer, politischer und vielleicht sogar physischer Tod?

In all den Monaten hörte ich: Gerechtes Verfahren.

Ich hörte, es sei besser 100 Schuldige freizusprechen, als auch nur einen einzigen unschuldig ins Gefängnis zu stecken.

Ich hörte, dass die Glaubwürdigkeit der Zeugen höchste Priorität habe. Dann aber wird es erst so gesagt und später wieder anders.

Ich hörte, dass der Schuldige andere nicht verurteilen soll.

Ich hörte Rechtsanwälte von dem berühmt-berüchtigten Artikel 211a des Strafgesetzbuches sprechen, der ebendies in anderen Worten sagt.

Was ist mit alldem passiert?

Ein Mitgefangener brachte mir ein Buch von Herrn Evangelos Kroustalakis, Staatsanwalt des Obersten Gerichtshofs. Der Titel lautet “Justiz und Rechtschaffenheit.”

Auf Seite 28 lese ich “Jegliche Form von Zweckmäßigkeit muss aus dem juristischen Denken getilgt werden. Allein die Legitimität hat die Justiz zu interessieren.”

Wie schön das klingt…!

Um mich herum höre ich Geschnarche.

Einige schlafen. Es ist fünf Uhr morgens.

Ob meine Richter Schlaf finden? Das wünsche ich ihnen…

Ob Saxonis*  Schlaf findet…? Wer weiß…..

Ich höre den Zug vorbeifahren. Er pfeift!

Jetzt habe ich verstanden. Er grüßt mich!

Er macht mir Mut. Er sagt, dass die Ungerechtigkeit offensichtlich ist. Dass im tiefsten Innern niemand glaubt, dass PAPAGEORGOPOULOS in illegale Machenschaften hätte verwickelt sein können.

Ich pfeife leise zurück. Ich bedanke mich …

Ich habe meine Augen geschlossen..

 

*Panagiotis Saxonis, Kassenwart zur Amtszeit von Papageorgopoulos, ebenfalls zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

 

 

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