Attentat auf Ultrarechte in Griechenland: Zweifel an Echtheit des Bekennerschreibens

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© FOSPHOTOS / Panayotis Tzamaros. Eine griechische Antiterroreinheit am Tatort nach der Ermordung zweier Sympathisanten der Goldenen Morgenröte

Nach der Ermordung zweier Mitglieder der ultrarechten griechischen Parlamentspartei Goldenen Morgenröte am 1. November bewerten Beobachter aus Griechenland und dem Ausland das Bekennerschreiben unterschiedlich. Einige äußern Zweifel an der Echtheit der Gruppe, die vorgibt, hinter den Anschlägen zu stecken. Fünfzehn Tage nach den Schüssen, die zwei Anhängern der neo-faschistischen Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) das Leben gekostet haben, hat eine bisher völlig unbekannte Guerilla-Gruppe, die sich selbst Militante Volksrevolutionäre Streitkraft nennt, im Rahmen eines schriftlichen Bekennerschreibens die Verantwortung für die Attentate übernommen. Das Schreiben wurde anonym an die Onlineredaktion einer Athener Nachrichtenwebseite übermittelt.

Das 18-seitige Manifest enthält vor allem systemkritische und antifaschistische Parolen. Behauptet wird, die Anschläge in Reaktion auf die Ermordung des linken Hiphop-Musikers Pavolos Fissas durch ein Mitglied der Goldenen Morgenröte im Oktober begangen zu haben und nannten diese einen „Wendepunkt.“ Die Gruppe gab ebenfalls an, dass sie ganz bewusst junge Mitglieder der Goldenen Morgenröte ins Visier nähme und, dass jeder, der die Partei direkt oder indirekt unterstütze, ein potenzielles Ziel sei.

Spannungen zwischen griechischen Linken und Rechten erhöht sich

Niki Kitsantonis, der für die New York Times schreibt, zitiert Mary Bossis, eine führende Expertin auf dem Gebiet des Terrorismus. Laut ihrer Aussage hafte dem Bekennerschreiben bezüglich des Schreibstil ein „Hauch von Vergangenheit“ an, der in diesen „extrem links-terroristischen“ Formen letztmalig in den frühen 1990ern registriert wurde. „Der Name der Gruppe mag neu sein, aber die Leute dahinter sind es nicht; sie sind diesem Dunstkreis zuzuordnen,“ sagt die Professorin für Internationale Sicherheit an der Pyräus Universität bei Athen. Spekulationen über Verbindungen zwischen den mutmaßlichen Verfassern des Manifests und anderen Gruppen will Bossis nicht äußern. Allerdings bestehe Klarheit darüber, dass die neue Gruppe alle anderen griechischen Guerilla-Gruppen zur Geschlossenheit auffordere. „Die Situation verschärft sich. Das Konfliktpotenzial zwischen Linken und extrem Rechten ist deutlich erhöht und man ist gewillt, neue Töne anzuschlagen und bewaffnete Aktionen durchzuführen,“ so Bossis.

Die griechische Anti-Terror-Polizei hält das Schreiben für authentisch, obwohl Sprache und Argumentationsstruktur sich von denen früherer Terrororganisationen unterscheiden. Ein hochrangiger Offizier der Anti-Terror-Einheit sagte der griechischen Zeitung ETHNOS: „Obwohl die benutzten Ausdrücke einen durchaus rauen Tonfall aufweisen, ist der ‚Geist’ des Schreibens nicht ganz so nihilistisch, wie das früher der Fall war.“ Basierend auf dem Inhalt des Manifests geht die Polizei außerdem davon aus, dass der Verfasser keiner jungen Bewegung, sondern der „alten Garde“ angehöre. Im Augenblick wird der USB-Stick, der zur Übersendung des Schreibens genutzt wurde, auf Fingerabdrücke und DNA-Spuren untersucht.

Zweifel an Echtheit der neuen Gruppe

Einige griechische Kommentatoren hegen Zweifel an der Echtheit des Briefes und deuten sogar an, dass die ganze Operation Teil eines verdeckten Vorhabens sei, um die politische Spannung zu erhöhen und linke Oppositionsparteien zu diskreditieren.

Kostas Vaxevanis, der Journalist, der 2012 die „Lagarde-Liste“ mit den Namen von einigen tausend wohlhabenden Griechen mit Schweizer Bankkonten veröffentlichte und dafür verhaftet wurde, weist darauf hin, dass die Kernaussagen des Schreibens die von der griechischen Regierung propagierten Theorie von „zwei Extremen“ unterstützten. Demnach würden alle Parteien am Rand des politischen Spektrums gleichgesetzt und den gewaltbereiten extrem rechten Parteien wie der Goldenen Morgenröte stünden dezidiert linke Parteien, darunter auch extreme Teile von Syriza, direkt gegenüber. Vaxevanis schreibt: „Die Argumente, die die neue Gruppe gegen die Goldene Morgenröte und die Regierung vorbringt, sind dieselben, die von jedem halbwegs informierten Bürger hervorgebracht werden könnten, nur dass Letzterer keine Tötungsabsichten hege. Somit wird alltäglich erhobene Kritik an der Politik der Regierung als terroristisches Gedankengut hingestellt.“ Auch sei es das erste Mal, dass das Manifest einer antisystemischen Terrororganisation keine Kritik an linken Parteien enthalte, die im Parlament vertreten seien. Dies verstärke den Eindruck, dass die Attentäter aus dem politisch linken Spektrum stammten und die Linke an sich somit als extrem einzustufen sei.

Stelios Kouloglou, preisgekrönter Journalist und Dokumentarfilmemacher, äußerte sich ebenfalls kritisch bezüglich der Authentizität der Gruppe, die sich zu den Anschlägen bekannte. „Am auffälligsten ist, dass in keiner Form Indizien dafür geliefert werden, dass die Verfasser des Schreibens an den Attentaten immer auch Beweise für eine Täterschaft übermittelt, z.B. detaillierte Beschreibungen der Aktionen oder ähnliches – gerade in Fällen wie diesem, in dem die verwendete Tatwaffe noch nicht in einem vorhergegangenen Verbrechen benutzt wurde. (…) Wenn eines klar ist, dann, dass der Teufelskreis der Gewalt mit diesem Bekennerschreiben kein Ende finden wird. Es ist nur ein weiterer Schritt in dieser neuen Phase der „Spannungsstrategie,“ die mit den Morden an beiden Unterstützern der Goldenen Morgenröte begann.

Artikel übersetzt aus dem Englischen. OriginalNews Analysis – Questions over group that claims responsibility for GD killings. Quelle: The Press Project

 

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